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Gestern, Dienstag, hielt ich die Festrede in der Linzer Wirtschaftskammer bei der Verleihung der Julius-Raab-Stipendien an Lehrlinge und Studenten. Ich gebe sie hier wieder, weil sie doch interessante Aspekte von Julius Raab (Bild), dem Staatsvertragskanzler von 1955, beleuchtet.
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 Julius Raab war ein außergewöhnlicher Mann. Er prägte den Beginn der Zweiten Republik, er gilt als ihr Baumeister  Als Obmann des Wirtschaftsbundes, als Präsident der Bundeswirtschaftskammer, als Obmann der niederösterreichischen ÖVP, als ÖVP-Klubobmann und als ÖVP-Bundesparteiobmann. Von 1953 bis 1961 war er Bundeskanzler. Die Unterzeichnung des Staatsvertrages 1955 war sein herausragendster politischer Erfolg. Deshalb heißt er auch der Freiheitskanzler.
Raab, der am 29. November nächsten Jahres seinen 120. Geburtstag feiern würde, stach in vielerlei Hinsicht heraus.  ÂÂ
Er war eben mehr als ein Interessensvertreter. Er war ein Staatsmann, mit dessen Namen der Wiederaufstieg der Wirtschaft und die Wiedererringung der Freiheit des Landes untrennbar verknüpft sind. Dabei ist er sich selbst immer treu geblieben. Der Baumeister aus St. Pölten hat mit den Großen der Welt nicht anders geredet als mit seinen Landsleuten, er hat sich auf dem internationalen Parkett nicht anders bewegt als auf dem Boden seiner Heimat. ÂÂ
Er war ein Mann des Ausgleichs.
Obwohl er als Baumeister Unternehmer war, suchte er stets den Kompromiss mit der Arbeiterschaft. Es ging ihm nicht um Gewinnmaximierung, sondern um das Wachsen des Wohlstandes für alle. Gemeinsam mit dem Gewerkschaftsbundpräsidenten Johann Böhm legte er den Grundstock für die Sozialpartnerschaft. Nicht Streiks und Ausstände sollten zur Wohlstandsaufteilung führen, sondern man setzte sich gemeinsam an den Tisch, bis ein für alle akzeptables  Ergebnis vorlag. Er legte damit mit den Grundstein für die friedliche Entwicklung der Zweiten Republik, von deren Wohlstand alle profitiert haben. Raab wies der Sozialpartnerschaft den Weg mit den Worten: „Wirtschaftspolitik und Sozialpolitik sind keine Gegensätze. Sie ergänzen sich vielmehr.“ Der Gewerkschaftsführer Böhm bezeichnete sein Verhältnis zu Raab als das des „Masters“ und ihm, dem „Polier“. Auch er redete von gemeinsamen Interessen und sagte, man dürfe den Ast, , die Wirtschaft, auf dem man sitzt, nicht abschneiden.
Raab nahm an zehn Isonzoschlchten teil
Raab fühlte sich sein Leben lang für die Menschen verantwortlich. Im Ersten Weltkrieg war er Leutnant und nahm an zehn Isonzoschlachten teil. Als der Krieg im November 1918 zu Ende ging, führte er als 27-jähriger seine Kompanie geschlossen von der Piave nach St. Pölten, wo er sie auf dem Bauhof der väterlichen Firma abrüsten ließ.
Das Konzentrationslager schweißte die Roten und die Schwarzen zusammen
Das positive Verhältnis zwischen den Schwarzen und Roten war wesentlich geprägt davon, dass Vertreter beider Parteien im Konzentrationslager Dachau gesessen sind. Der Gewerkschaftsführer und SPÖ-Innenminister Franz Olah sass 1945 mit August Kargl, dem damaligen Sicherheitsdirektor Beier, dem Gendarmeriekommandanten Emanuel Stillfried und anderen Dachauern zusammen in einer Wohnung in der Wiener Herrengasse. Er beschreibt das Zusammentreffen in seinem Buch „Die Erinnerungen“. Plötzlich klopfte es und Julius Raab kam herein. Er kannte mich ja nicht und glaubte natürlich, unter lauter Parteifreunden zu sein. Er begann gleich: „Also, die Sozi kommen mit der Verstaatlichung.“ Worauf ich ihm ins Wort fiel. „Bitte, bevor Sie weitersprechen, ich melde mich freiwillig, ich bin auch einer!“ Raab lachte und lenkte ein: „Nu gut, wir können ja auch von was anderem reden.“ Wir sassen dann noch lange beisammen, bei einer Flasche Wein und einem Laib Brot, als größten Luxus eine Stange Wurst. Vielleicht sollte man bei der Gelegenheit auch daran erinnern, dass wir am Anfang alle, vom Hilfsarbeiter bis zum Regierungsmitglied, nicht mehr als 150 Mark bzw. später dann 150 Schilling im Monat ausbezahlt bekamen. Für mich war das kein Problem; ein Problem war vielmehr, für diese 150 Schilling auch nur irgendetwas zum Einkaufen zu finden.“ So die Erinnerungen von Franz Olah.
“Geh’, Böhm, nimm’ de Wasserwaag’!”
Nach dem vierten Lohn- und Preisabkommen ging es wieder einmal um Löhne und Preise, und Raab sagte zu ÖGB-Präsident Böhm: „Geh‘ Böhm, nimm die Wasserwag, damit’st feststelln kannst, des is a guader Kompromiss.“
Die Prinzipien des ordentlichen Kaufmanns
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Studiert man heute Raabs Wirken, fällt auf, dass sich viele Politiker gerade konträr zu ihm verhalten.
Während er Fundamente gegraben hat, kann man sich heute oft des Eindrucks nicht erwehren, dass Fundamente untergraben werden. Schauen Sie sich heute die Schuldenentwicklung der öffentlichen Hände an. Die Republik Österreich zahlt allein für die Zinsen rund acht Milliarden Euro. Da erfolgt noch keine Schuldenrückzahlung.  Die acht Milliarden sind mehr als das gesamte Bildungsbudget. Dabei benötigen wir dringendst mehr Geld für die Schulen und Universitäten. Der Innviertler Paradeforscher Josef Penninger hat völlig Recht, wenn er eine Milliarde für die Universitäten fordert. Hier liegt eine eindeutige Fehlentwicklung vor. Wir geben das Geld für die Schuldenrückzahlung und dafür aus, dass privilegierte Gruppen nach wie vor mit 53 Jahren in die Pension gehen können, während wir für die Zukunft, für Euch, liebe Lehrlinge und Studenten, zu wenig Geld haben. Das ist ein Missstand.
Reelle kaufmännische Grundsätze
Und wissen Sie, was Julius Raab zum Thema Budget gesagt hat? „Der Finanzminister muss, wie jeder Kaufmann und Gewerbetreibende, für die Erstellung des Budgets reelle kaufmännische Grundsätze anwenden.“ Jeder von uns weiss, dass er auf Dauer nicht mehr Geld ausgeben kann als er einnimmt. Sonst fährt er mit dem Karren gegen die Wand. Aber die Prinzipien des ordentlichen Kaufmanns scheinen verloren gegangen zu sein. Bei nicht wenigen Bankleuten, bei Managern und bei Politikern. ÂÂ
Verdienen kommt von dienen   ÂÂ
Raab ist zwar schon beinahe 50 Jahre tot, doch seine Grundsätze bleiben aktuell. Den Unternehmern rief er in Erinnerung: „Das Wort verdienen kommt von dienen: dem Allgemeinen, dem Großen, dem Ganzen.“ Und an die Allgemeinheit gewandt, sagte er: „Die Wirtschaft kann niemals Selbstzweck sein. Sie geht alle an.“
Der große Schweiger
Schlicht wie sein Auftreten war auch seine Sprache. Der große Schweiger, wie er bezeichnet wurde, redete wenig. Er sprach dann, wenn er etwas zu sagen hatte.  Das ist ein weiterer Kontrapunkt Raabs zu vielen heutigen Politikern, die begierig nach jedem Mikrofon sind. Raab hingegen hörte viel lieber zu.  Berühmt ist vor allem eine Begebenheit. Eines Tages fuhr der Bundeskanzler mit dem Auto von Wien nach Vorarlberg. Im niederösterreichischen Tullnerfeld sagte sein Sekretär mit einem Blick auf die umliegenden Felder: „Das Getreide steht heute schon ganz schön hoch.“ Bis knapp vor Feldkirch wurde kein Wort mehr gewechselt, dann endlich meinte Raab: Do aa!“ Das war die gesamte Konversation während einer Fahrt von 600 Kilometern.
“In Washington hab’ i mi net so g’fürcht’”
Raab lehnte Pomp ab. Es war im Jahr 1958, als er auf einer Pressekonferenz gefragt wurde, warum er nach Washington nur in Begleitung eines Sekretärs, nach Moskau aber an der Spitze einer großen Regierungskoalition gereist sei. Andere hätten auf diese Frage wohl mit längeren Ausführungen über die spezifischen innen- und außenpolitischen Konstellationen einer großkoalitionären Proporzdemokratie zwischen Ost und West geantwortet. Julius Raab meinte nur lächelnd: „In Washington hab‘ i mi net so g’fürcht!“
Das Wirtschaftswunder
In der Ära Raab setzte das sogenannte „Wirtschaftswunder“ ein, das der Kanzler so definierte: „Die Deutschen verdanken das Wirtschaftswunder ihrem Fleiß, ihrer Strebsamkeit und ihrer Ausdauer. Das österreichische Wirtschaftswunder ist hingegen wirklich ein Wunder.“
Auch für den Proporz fand Raab eine einfache Formel: „Proporz is‘, wenn i ins Gebäude vom Rundfunk kumm und plötzlich überall statt aner Hand zwa Händ schütteln muss.“
Der Kapitalist und der Kommunist
Nikita Chruschtschow bezeichnete während der Staatsvertragsverhandlungen in Moskau seinen Gast Julius Raab als Kapitalisten. Worauf dieser auf die reich gedeckte Tafel blickte und konterte: „Herr Chruschtschow, der eine bleibt ein Lebtag ein armer Kapitalist und der andere bringt’s zum reichen Kommunisten.“
“Sagen S’ ihm halt irgendeinen Komponisten”
Der erkrankte saudische König Ibn Saud von Saudi-Arabien begab sich mehrmals in die Obhut des weltberühmten Wiener Internisten Professor Karl Fellinger. Zu den Gästen, die der König empfing, zählte auch Altbundeskanzler Julius Raab, der nie ein Hehl daraus machte, keine besondere Beziehung zur Musik zu haben. Als er sich mit Hilfe eines Dolmetschers mit Ibn Saud unterhielt, kam der König auf Österreichs große Musiktradition zu sprechen und er fragte den früheren Regierungschef nach seinem Lieblingskomponisten. Raab schaute den Dolmetscher hilflos an und meinte: „Sagen S‘ ihm halt irgendeinen.“ÂÂ
Frühstück im Cafe LandtmannÂÂ
Als Kommerzialrat Zauner, Besitzer des traditionsreichen Cafes Landtmann vis-a-vis vom Burgtheater – in dem Raab täglich frühstückte und natürlich seine Virgina rauchte – einmal den Mut aufbrachte, politisch anderer Meinung zu sein als der Kanzler, erwiderte Raab: „I mach Ihna an Vorschlag: I vasteh ix davon wia ma an Kaffee braut und werd Ihna auch weiterhin net dreinreden. Dafür lassen S‘ die Finger von der Politik, des is nämlich nix für Ihna.“ ÂÂ
Einsame Entscheidungen
Der Staatsvertragskanzler war berühmt dafür, wichtige Entscheidungen einsam zu treffen. Selbst engste Mitarbeiter erführen erst aus der Zeitung von politischen Weichenstellungen, die Raab im Alleingang durchboxte. Als er seine Regierungsmitglieder in einer Sitzung wieder einmal vor vollendete Tatsachen stellte, erkannte er in den Gesichtern der Minister deren leisen Unmut. Da ergriff er das Wort und gab – kurz und bündig wie immer – kund: „Wer noch etwas zu sagen hat, der stehe auf und schweige.“
Bei einer Abstimmung in der ÖVP-Bundesparteileitung im September 1955 verlangten zwei Drittel der Teilnehmer Neuwahlen. Raab blickte verschmitzt in die Runde und erklärte: „Ein Drittel der Anwesenden ist gegen Neuwahlen. Ich schließe mich an. Damit ist die Mehrheit gegeben.“ So etwas konnte sich nur er leisten – und auch nur damals. Heute könnte sich ein Mann der einsamen Beschlüsse, wie Raab gern genannt wurde, mit seiner „Demokratur“ nirgends mehr behaupten. Aber er wusste, wie weit er gehen konnte und er ging diesen Weg.
Berühmt geworden ist auch der Satz, den Raab einmal über das Parlament formuliert hat und der nur verständlich ist, wenn man weiß, wie sehr Raab Sachpolitiker war und wie sehr er reden „zum Fenster hinaus“ gering geachtet hat. „Wenn ein Abgeordneter im Plenum nichts red’t, glauben die Leute, er versteht nix. Wenn er was red’t, wissen sie‘s.“
1956 ernannte Raab den bisherigen Staatssekretär Fritz Bock zum Handelsminister. Bock, der von seiner Ernennung aus dem Radio erfuhr, rief Raab an und wollte wissen, warum er nicht vorher gefragt wurde, ob er das Amt überhaupt antreten wolle. Raab sagte nur: „Hätt’st na g’sagt, wenn i di g’fragt hätt‘?“ „Nein, das hätte ich natürlich nicht gesagt.“ „Na also“, meinte Raab, „warum hätt‘ i di dann fragen sollen?“
“Aner von uns zwa muass geh’n. Ich danke Dir!”
Als im Sommer 1958 mit dem so genannten „Haselgruber-Skandal“ eine der größten Politaffären der Nachkriegszeit aufflog, wurde bekannt, dass die Wiener ÖVP ihren Wahlkampf mit dubiosen Parteispenden des Stahlunternehmers Haselgruber finanzieren wollte. Raab ließ den Wiener Parteiobmann Fritz Pocar zu sich kommen und stelle klar: „Du verstehtst, dass ana von uns zwa gehn muass. Ich danke Dir.“
Den Minister vor die Tür gesetztÂÂ
Auch Heinz Kienzl, der Generaldirektor der Nationalbank, erinnert sich an Raab. Einst gab es eine Sitzung zwischen ÖGB und Vertretern der Regierung, an der er teilnehmen durfte und da hat der Handelsminister Illig immer dazwischen gekeppelt, bis es Raab zu bunt wurde und er sagte: „Herr Kollege, du zerbrichst mir das ganze Porzellan. Danke für Deine Mitwirkung.“ Und schon war der Handelsminister draussen.
Bei einer Sitzung mit damaligen Außenminister Figl gab es eine peinliche Situation. Figl war ziemlich angesäuselt. Raab rettete die Situation, indem er zu seinem Freund Figl sagte: „Du wirst scho in deinem Ministerium verlangt.“
Die Brücke von Mauthausen
Nach dem Krieg musste die Mauthausner Brücke dringend saniert werden, ein Neubau war notwendig. Der damals junge Nationalratsabgeordnete Leopold Helbich versuchte das notwendige Geld von 15 Millionen Schilling aufzutreiben. Oberösterreichs Landesstraßenreferent Erwin Wenzl sagte fünf Millionen zu. Finanzminister Reinhard Kamitz konnte Helbich weitere fünf Millionen abringen. Dann ging er zum niederösterreichsichen Landeshauptmann Johann Steinböck, der Helbich mit folgenden Worten abfertigte: „Lieber Freund, von mir kannst alles haben, nur kein Geld. Servus!“ Zum Beweis seiner Freigiebigkeit leerte er mit Helbich um acht Uhr früh eine Flasche Grüner Veltliner, den er aus der Schreibtischlade gezogen hatte. Helbich war wütend und rannte umgehend ins Büro von Bundeskanzler Raab, der Helbich anhörte und meinte, er werde schauen, was er machen könne.
Raab ging dann mit seinem Sekretär zu Fuß vom Kanzleramt in die niederösterreichische Landesregierung und führte mit Steinböck eines seines berühmten wirkungsvollen Kurzgespräche. „Gibst was Neu’s?“ – „Na.“ – „Was mach ma mit der Mauthausner Bruck’n?“ – „Nix.“ – „I glaub‘, da miass’n ma was machen.“ – „Na.“ – „Aber i wär dafür. Bist Du ned a dafür?“ – „Is des dein Wunsch?“ – „Ja.“ – Dann geht’s in Ordnung.“
So wurden damals Beschlüsse gefaßt. Julius Raab, der Freiheitskanzler, wusste, was er wollte und er zog es durch. Wenn man sich im Vergleich das Theater um den Linzer Westring anschaut, der schon seit 30 Jahren angekündigt wird, muss man sagen, die Damen und Herren sollten sich von Raab etwas abschauen.
Trinkfeste Politiker
Die Politiker der Nachkriegszeit waren trinkfest. Bei den Nach-Staatsvertragsverhandlungen, die Raab 1958 gemeinsam mit Bruno Pittermann in Moskau führte, kam es zu der Szene, dass Pittermann anstatt des Wodka einen Orangensaft erbat. Das führte natürlich zu hämischen Bemerkungen der sowjetischen Gastgeber und einer von ihnen fragte Raab, ob er auch lieber einen Orangensaft möchte. Mit seiner Antwort „das Safterl möchte ich nicht einmal in die Schuh hab’n“ verwirrte er nicht nur den Dolmetscher, sondern er hatte auch – obwohl der Satz eigentlich nicht besonders sinnvoll ist – die Lacher auf seiner Seite.
“Illig. lass’ Dir die Haar’ schneiden. I zahl’s.”
Eien Anekdote möchte ich abschließend noch zum Besten geben. Weil ich selbst längere Haare trage und auch Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl zu seiner Studentenzeit über eine längere Haarpracht verfügte. Es gab unter Julius Raab einen Handelsminister namens Udo Illig, der seine Knausrigkeit gerne vor sich her trug. Raab sagte zu Illig, der längere Haare hatte: „Illig, lass Dir die Haar‘ schneiden!“ Darauf erwiderte Ilig, indem er Raab seiner Loyalität versicherte und betonte, dass er seinen Intentionen meist entspreche. „Aber das geht zu weit. Du greifst da direkt in meine Persönlichkeitsspäre ein.“ Raab sagte nur: „Lass Dir die Haar‘ schneiden, i zahl’s.“ Illig darauf: „Ja, das ist etwas anderes.“
Er nahm die Chance, sich auf Kosten des Bundeskanzlers die Haare   schneiden zu lassen, auch tatsächlich wahr und ging zu seinem Friseur. Nach der Behandlung sagte er nur: „Die Rechnung schicken’s bitte an den Bundeskanzler.“ Der Friseur ließ sich darauf nicht ein und bestand auf Barbezahlung. Wohl oder übel bezahlte der Minister, sandte dann aber die Rechnung an Raab mit der Bitte um Refundierung. Für Raab war aber der Spaß schon zu Ende. Er sagte zu seinem Sekretär nur: „Schick ihm zehn Groschen.“ Illig beklagte sein Los dem Vater von Karl Korinek, der früheren Verfassungsgerichtshof-Präsidenten. „Da habe ich die damals noch übliche Bearbeitungsgebühr von 30 Groschen auch noch bezahlen müssen, sodass ich einen effektiven Schaden von 20 Groschen gehabt habe.“ Aber er habe das dem Finanzminister Kamitz erzählt, „der mir diesen Schaden umgehend aus seiner Privatschatulle bezahlt hat.“
Bekenntnis zur positiven Kleinbürgerlichkeit
Was für ein Mensch war Julius Raab?
Karl Korinek schreibt Raab eine gewisse Kleinbürgerlichkeit zu. Zitat: „Seine Herkunft aus dem kleinbürgerlichen Milieu, das er nie wirklich verlassen hat, war die Basis für seine unkomplizierte Persönlichkeit, seine absolute Redlichkeit, seine selbstverständliche Achtung vor dem Mitmenschen ohne jegliche Überheblichkeit.
Mir fällt dazu ein sehr kluger Satz Gerhard Buchers ein, der deutlich macht, dass es genau diese Kleinbürgerlichkeit der Politiker der ersten Stunde  der Wiedererrichtung Österreichs war, der wir den Wiederaufbau Österreichs und seine staatliche Souveränität verdanken. Gerd Bacher hat über Männer wie Raab, Figl, Helmer und Böhm gesagt: „Sie waren schlechte Redner, sie lasen wenig Bücher, tranken immer denselben Wein und aßen die gleichen Gerichte. Aber sie haben das Vaterland gerettet.“
Einfache Persönlichkeitsstruktur
Diese einfache Persönlichkeitsstruktur, der jede Doppelbödigkeit fehlte, war politisch gesehen wohl der Grund dafür, dass Raab Vertrauen einflößte wie kaum ein anderer Politiker des vergangenen Jahrhunderts. Man glaubte ihm einfach, er verfügte über hohe Glaubwürdigkeit, wie man heute sagen würde. Er war in seinem Reden und Handeln berechenbar. Er sprach und tat nichts Überflüssiges. Das, was er tat und sagte, schien plausibel. Das gab den Österreicherinnen und Österreichern, wie er sie in seinen regelmäßigen Radiosendungen ansprach, Vertrauen. Diese Ansprachen waren keine guten Reden, aber sie waren inhaltsreich, einfach erklärend und ehrlich. Das spürten die Menschen.“
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Geschätzte Lehrlinge, geschätzte Studenten. Am 12. Dezember 1961 wurde der Stipendienfonds der Julius-Raab-Stiftung gegründet. Er ist bis heute aktiv. Ich selbst war in meiner Studentenzeit Nutznießer dieses Fonds. Für mich war die Stipendienverleihung kurz vor Weihnachten stets ein wunderbarer Tag. Der größte Stress der Uni war vorüber, es gab Geld, das man als Lehrling bzw. Student immer gut gebrauchen kann und anschließend ein gutes Buffet. Herz, was willst Du mehr? Herzliche Gratulation zu Ihren Stipendien!
Allen schöne Weihnachten und ein gutes neues Jahr!
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