Warum werden die kritischen Beiträge in der Integrationsdebatte nicht gehört?
Samstag, 04. September 2010
Thilo Sarrazin hat in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ (Foto NZZ) offensichtlich auch viel Unsinn geschrieben. Diesen Eindruck muss man aufgrund der vielen Rezensionen gewinnen, denn leider ist ein persönliches Urteil noch nicht möglich, da es seit seinem Erscheinen am Montag ausverkauft ist. Aber er hat mit seiner Kritik an den Einwanderern aus muslimischen Ländern einen Hauptnerv der deutschen bzw. europäischen Gesellschaften getroffen. Das Hauptverdienst dieses Buches ist es, die virulente Frage der Einwanderung und der Integrationsprobleme neuerlich thematisiert zu haben.
NZZ: Medien vermeiden eine seriöse Integrationsdebatte
Das lässt sich an den Samstagausgaben wichtiger Zeitungen ablesen. Die liberale „Neue Züricher Zeitung“ schreibt auf Seite 1: „Auffallend an der Berichterstattung der Medien über die Abberufung des Bundesbankvorstandes ist, dass sich nur wenige deutsche Medien überhaupt mit Inhalten von Sarrazins Äußerungen auseinandersetzen. Die meisten meiden eine seriöse Integrationsdebatte.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ bestätigt mit ihrer Samstagausgabe die Richtigkeit dieser Kritik. Joachim Käppner meint auf einer Doppelseite in der Wochenendbeilage, in der türkische Aufsteiger zu Wort kommen: „Jetzt geht es eher darum, Sarrazin zu verurteilen als sich damit auseinanderzusetzen, was schiefläuft.“
Protestwelle der SPD-Basis
Gleichzeitig vermeldet die „Süddeutsche“ auf Seite 1, dass in der Parteizentrale der SPD Tausende kritische Zuschriften zum geplanten Parteiausschluss eingingen. In der Zuwanderungsfrage ist eine deutliche Kluft zwischen der Bevölkerung einerseits und der veröffentlichten Meinung in den Medien feststellbar. Geschäftstüchtig und populistisch wie die „Bild“-Zeitung ist, hat sie diese Kluft erkannt und titelt: „Das wird man wohl noch sagen dürfen – Bild kämpft für die Meinungsfreiheit“. Als Sager führt sie an: „Wer Arbeit ablehnt, verdient keine Stütze! Ausländer, die sich nicht an unsere Gesetze halten, haben hier nichts zu suchen! Nicht wir müssen uns den Ausländern anpassen, sondern sie sich uns! Zu viele junge Ausländer sind kriminell! Auf den Schulhöfen muss Deutsch gesprochen werden.“
Sarrazin war als Vorstand der Bundesbank eine Fehlbesetzung
Günther Nonnenmacher schreibt in seinem gescheiten Leitartikel „Die Verbannung“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Der ehemalige Berliner Finanzsenator war von vornherein eine Fehlbesetzung im Vorstand der Bundesbank. Das mussten auch diejenigen wissen, die ihn entsandt haben, an ihrer Spitze Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit, der jetzt besonders laut seinen Ausschluss aus der Partei fordert……
Empörung über Sarrazin eine Heuchelei
Die Empörung, die über Sarrazin jetzt hereinbricht, ist dennoch eine große Heuchelei. Sie nimmt zum Anlass, dass er in seinem Buch angeblich biologistisch, eugenisch, gar rassistisch argumentiert. Wahr ist, dass Sarrazin sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse beruft, die er nur halb, teilweise auch gar nicht verstanden hat und aus denen er unhaltbare Schlussfolgerungen zieht. Das ist bei Menschen, die in Zahlen und Statistiken verliebt sind, nicht eben selten……
Warum wurde nichts zur Beseitigung der Missstände getan?
Die Zustimmung, die Sarrazin aus dem Publikum entgegenschlägt, im Gegensatz zu dem fast einstimmigen offiziellen Scherbengericht, gilt nicht seinen schrägen oder falschen Thesen. Sie gilt einer Zustandsbeschreibung von Sozialstaatsmissbrauch und Integrationsverweigerung, für die fast jeder Beispiele kennt. Das Argument, dies sei alles bekannt und müsse nicht noch einmal auf provozierende Art wiederholt werden, ist lächerlich. Sind jene, die Ähnliches gesagt haben, wie der Neuköllner Bezirksbürgermeister Buschkowsky oder die Jugendrichter Heisig, von der Berliner SPD gehört oder gewürdigt worden? Wenn Sarrazins Beschreibungen altbekannt sind, warum wurde dann so wenig gegen die Missstände getan?“







