
Der Glaube versetzt Berge. Das belegen die Beziehungen zwischen Ortenburg im Landkreis Passau und der 100 km weit entfernten Bevölkerung aus der oberösterreichischen Region um die Bezirksstadt Grieskirchen. 1626 trafen in der Grafschaft Ortenburg (das Bild zeigt das Schloß) die ersten evangelischen Flüchtlinge aus diesem Raum ein, die vom katholischen Habsburgerkaiser Ferdinand II. vertrieben worden waren. Nun, fast 400 Jahre später, stellten sich die Ortenburger den Grieskirchnern im Rahmen der Ortenburg-Woche vor.
Ortenburg-Woche in Grieskirchen
Weißwürste und Brezen waren Samstagvormittag jene Produkte, die von den Grieskirchnern am stärksten nachgefragt wurden. Am Stadtplatz präsentierten sich Ortenburger Betriebe mit ihren Spezialitäten. Es gab Mostkuchen, Honig, Most, Likör, Stickereien etc. an den Ständen am Stadtplatz. Zwischendurch erklangen die Stimmen des gemischten Chores. „Ich bin angenehm überrascht, wie sehr sich unsere Bevölkerung beteiligt“, sagte Ortenburgs Bürgermeister Hans Halser. Dieser Tag des Marktes war ein Teil der Ortenburg-Woche. Vergangenen Mittwoch hatten bereits Ortenburger Schüler Grieskirchner Schulen besucht. Donnerstagabend wurde über die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Bayern und Oberösterreich diskutiert, Freitagabend wurde die Ortenburg-Ausstellung im Grieskirchner Rathaus eröffnet. Anschließend spielten und sangen im Pfarrsaal der Männergesangsverein Unteriglbach, der Aushamer Viergesang und das Ensemble „PompAdur“. Der Heimatforscher Walter Fuchs brachte den Grieskirchnern in Bilder die Schönheiten und die Geschichte der 7200-Seelen-Marktgemeinde näher. Samstagabend gab es eine Begegnung mit der Gemeinde Wallern, Sonntagvormittag einen Festgottesdienst in der evangelischen Kirche.
Der Glaube überwand alle Hindernisse
Der gemeinsame protestantische Glaube hat die Bindungen zwischen den Evangelischen in Oberösterreich und dem bayerischen Ortenburg über die Jahrhunderte eng und lebendig gehalten. Graf Friedrich Casimir (1591-1658) von Ortenburg, der selbst der neuen Lutherischen Lehre anhing, gewährte den Flüchtlingen aus dem Land ob der Enns Schutz. Die einen zogen weiter in die Reichsstädte Regensburg, Nürnberg, Augsburg, etc., die anderen blieben in Ortenburg. Unmittelbar vor Ostern 1626 fanden hundert dieser Flüchtlinge, davon 42 Kinder, zumeist aus dem Raum Grieskirchen, Neumarkt und Peuerbach in Ortenburg Zuflucht. Bis Ende 1626 trafen nochmals mehr als 100 Glaubensflüchtlinge ein. Da für die vielen Obdachlosen auf Dauer keine entsprechenden Wohnungen zur Verfügung standen, überließ ihnen der Graf in dem östlich von Ortenburg gelegenen Waldgebiet Grund und Boden, den sie roden und sich darauf ansiedeln konnten. So entstanden die heutigen Orte Vorderhainberg und Hinterhaimberg. Die Oberösterreicher brachten aus ihrer Heimat den Mostobstbau mit.
Evangelische Enklave inmitten des katholischen Bayern
Ortenburg konnte sich als evangelische Enklave inmitten des katholischen Bayern halten. Grund dafür war ein Urteil des Reichskammergerichts in Speyer vom 4. März 1573, das die damals von Bayern bestrittene Reichsunmittelbarkeit der Grafschaft Ortenburg betätigt hatte. Es war dies ein Sieg des Grafen Joachim zu Ortenburg über den bayerischen Herzog Albrecht V. Graf Joachim war 1563 offiziell zum Protestantismus übergetreten, was dem Herzog ein Dorn im Auge war. Die Mehrheit der Bevölkerung war ebenfalls evangelisch, doch Graf Joachim war klug und weise genug, den Katholiken in seiner Grafschaft weiterhin die ungestörte Ausübung ihres Glaubens zu erlauben.
Die Geheimprotestanten gingen wallfahren
Während die eine Gruppe der Evangelischen aus Österreich flüchtete, kehrten andere Österreicher wieder zwangsbekehrt zum Katholizismus zurück, um ihre Höfe und ihren Besitz nicht aufgeben zu müssen. Sie betrieben ihren Glauben im Geheimen und wurden deshalb als Geheimprotestanten bezeichnet. Geheimprotestanten aus ganz Oberösterreich machten regelmäßig Wallfahrten nach Ortenburg, um dort evangelische Predigten zu hören und das evangelische Abendmahl zu empfangen. Offziell gaben sie an, nach Altötting zum katholischen Marienwallfahrtszentrum zu gehen, tatsächlich marschierten sie aber nach Ortenburg. Von dort schmuggelten sie auch potestantische Bücher mit nach Hause.
Die Pfarrer aus Wallern kamen aus Ortenburg
Als nach dem Toleranzpatent von Kaiser Josef II. die Ausübung des Protestantismus 1781 in Österreich erlaubt worden war, kam mit Jakob Koch ein Ortenburger als erster Pfarrer nach Wallern (Bezirk Grieskirchen). Er war der Bruder des damaligen Ortenburger Pfarrers. Die Familie Koch besetzte über vier Generationen die Pfarrersstelle von Wallern, der letzte ging 1936 in Pension.
Bindungen durch Heiraten gefestigt
Gefestigt wurden die Bande zwischen den Geheimprotestanten in Oberösterreich und den Evangelischen in Ortenburg auch durch Heiraten. Denn junge Protestanten suchten nach einer Braut potestantischen Glaubens.
Das Land ob der Enns war zu 80 Prozent protestantisch
Die oberösterreichische Landesausstellung ist heuer dem Thema „Reformation und Renaissance“ gewidmet. Sie findet im Renaissanceschloss Parz bei Grieskirchen statt. Zur Zeit der Reformation war das Land ob der Ens zu 80 Prozent protestantisch, wurde aber im Zuge der Gegenreformation fast komplett zwangsbekehrt. Zu sehen ist ind er Landesausstellungim Schloß Parz auch ein silberner Abendmahlskelch aus Ortenburg aus dem Jahr 1573. Die eingangs beschriebene Ortenburg-Woche soll die alten Beziehungen zwischen Oberösterreich und Bayern festigen. Es gibt nicht wenige Nachfahren von nach Bayern geflüchteten Evangelischen, die die Ausstellung zum Anlass nehmen, um nach ihren Wurzeln zu suchen.