Archiv für April 2009

Alice Schwarzer am Montag in Linz

Mittwoch, 29. April 2009

Alice Schwarzer - am 4. Mai 2009 zu Gast bei Thalia Linz/Landstraße

Alice Schwarzer - am 4. Mai 2009 zu Gast bei Thalia Linz/Landstraße

Veranstaltung bei Thalia ausgebucht, aber vier Karten sind noch erhältlich. mail an josef.ertl@ertl-media.at

Die wohl bekannteste Feministin des deutschen Sprachraums, Alice Schwarzer, ist Montagabend, den 4. Mai 2009 um 19.30 Uhr zu Gast bei Thalia in Linz, Landstraße 41. Obwohl die Veranstaltung bereits voll ausgebucht ist, kann ich noch vier gute Sitzplatzkarten (kostenlos) offerieren. Die ersten vier mails an meine mail-Adresse josef.ertl@ertl-media.at erhalten die Karten.

Finanzielle Unabhängigkeit der Frauen

Schwarzer wurde Anfang der 70er Jahre durch ihre Kampagne für die Straffreiheit der Abtreibung bekannt.1977 erschien zum ersten Mal die von ihr gegründete Frauenzeitschrift “Emma”. In diesem Sommersemester hat sie eine Gastprofessur an der Wiener Universität für angewandete Kunst. Sie hält Vorträge zu den Themen “Pornographie und sexuelle Gewalt”, “Religiöser Fundamentalismus” und “Frauen und Männer”. Schwarzer kritisiert heute den geringen Anteil an Frauen in Führungspositionen. Der Druck der Medien, der Werbung und der Mode auf die Frauen, lebenslang jung und attraktiv zu wirken, zeige sich unter anderem in Essstörungen. Ferner beklagt sie die Tendenz zur Entblößung des weiblichen Körpers in der Frauenmode.

Kritik am Kopftuch

Schwarzer ist Gegnerin des islamischen Kopftuchs im öffentlichen Leben, zum Beispiel im Schulunterricht. Sie bezeichnet es als die “Flagge der islamistischen Kreuzzügler”, der “Faschisten des 21. Jahrhunderts”. Im Vergleich mit anderen religiösen Symbolen, beispielsweise dem christlichen Kreuz, unterscheidet sie, dass das islamische Kopftuch jeweils nur von Frauen getragen wird, teils unter Zwang. Schwarzer wendet sich gegen die von ihr befürchtete schleichende Islamisierung Europas und des damit einhergehenden Verlustes von bürgerlichen Freiheiten, Menschen- und insbesondere Frauenrechten. Die Entscheidung einer Frankfurter Richterin, eheliche Gewalt unter Berufung auf den Koran zu verharmlosen, ist nach Überzeugung von Alice Schwarzer “bei weitem kein Einzelfall”. Sie fürchtet eine Aufweichung des Rechtssystems und hat den Eindruck, dass eine falsche Toleranz grassiere.

Verbot von Pornographie

Schwarzer fordert ein weitgehendes Verbot von Pornographie, insbesondere im Rahmen der 1987 gestarteten PorNO-Kampagne. 

Penis abgehackt

Sie begrüßte 1994 die Tat der US-Amerikanerin Lorena Bobitt, die ihrem schlafenden Mann John den Penis abgetrennt hatte, nachdem dieser sie angeblich betrogen, zur einer Abtreibung “gezwungen” und vergewaltigt hatte. Obwohl Lorena Bobitt einer Verurteilung nur wegen der Annahme geistiger Unzurechnungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt durch die Geschworenen entging,  und obwohl wegen der angeblich vorausgegangenen Vergewaltigung nicht einmal Anklage erhoben wurde, äußerte Schwarzer: “Sie hat ihren Mann entwaffnet. (….)Eine hat es getan. jetzt könnte es jede tun. Der Damm ist gebrochen, Gewalt ist für Frauen kein Tabu mehr. Es kann zurückgeschlagen werden. Oder gestochen. Amerikanische Frauen denken beim Anblick eines Küchenmessers nicht mehr nur ans Petersilie-Hacken (…..)Es bleibt den Opfern gar nichts anderes übrig, als selbst zu handeln. Und da muss ja Frauenfreude aufkommen, wenn eine zurückschlägt. Endlich!”

Ernst Strasser ein Fehlgriff

Montag, 27. April 2009

strasser-und-proell-apa-hans-klaus-techtIn der ÖVP rumort es. Nicht nur, dass die Differenzen zwischen Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner und Obmann Josef Pröll immer deutlicher zutage treten, es wächst auch der Widerstand gegen Ernst Strasser als schwarzen Spitzenkandidaten für die EU-Wahl Anfang Juni. Die ehemaligen Parteiobmänner Josef Taus, Alois Mock, Wolfgang Schüssel, Wilhelm Molterer und die beiden prononcierten Europäer Ursula Plassnik und Franz Fischler unterstützen nun öffentlich den Listenzweiten Othmar Karas.

Wer Strasser kennt, meidet ihn

Die Nominierung Strassers ist der erste große Fehlgriff von Pröll. Alle, die jemals mit Strasser zu tun hatten, sind entsetzt. Von ihnen wird Strasser vor allem ein Versagen im persönlichen und menschlichen Bereich angekreidet. Er sei zwar ein Techniker der Macht, könne aber kein Vorbild sein, heißt es unisono.

Um Pröll nicht bereits zu Beginn seiner Amtszeit zu diskreditieren, wird nicht der Rückzug Strassers gefordert, sondern der von Pröll übergangene Karas unterstützt. Mit diesem Slalom sollen die ÖVP-Wähler bei der Stange gehalten und eine Blamage bei der EU-Wahl vermieden werden. Strasser wird lediglich von der Kronen-Zeitung unterstützt, die ja für ihre europakritische Haltung bekannt ist.

Akuter Klärungsbedarf

Auf Strasser kommt noch einiger Klärungsbedarf zu. Es ist nicht transparent, für welche Firmen er in den vergangenen Jahre aktiv gewesen ist und für wen er lobbiiert hat. So war er zum Beispiel auch Berater des Tiroler Medienhauses Moser Holding.

Fahrer dicker Autos von Gott erwählt

Samstag, 25. April 2009

Der Reformator Johannes Calvin wird 500 Jahre alt. Seine Lehren haben die gesamte westliche Welt viel stärker geprägt als uns bewußt ist. Der Individualismus, die Arbeitsmoral, der Kapitalismus und demokratische Strukturen  gehen wesentlich auf ihn zurück. 

Im katholisch geprägten Österreich ist Johannes Calvin zwar nur wenigen bekannt, doch von den Auswirkungen seiner Lehre sind alle - zumindest indirekt - betroffen. Unser neuzeitlicher Individualismus, die protestantische Arbeitsmoral, der Kapitalismus - alles undenkbar ohne Calvin. “Er formulierte eine moderne Religion und er hat die stärkste Auswirkung aller Reformatoren”, sagte Univ. Prof. Ulrich Gärbler Mittwochabend (22.4.200) bei seinem Festvortrag im Evangelischen Museum Rutzenmoos. Der Kirchenreformator wurde 1509, also vor 500 Jahren, in Nordfrankreich geboren. Seine Hauptwirkungsstätte war Genf, wo er 1564 gestorben ist. Gärbler wiederum ist gebürtiger Kärntner und war unter anderem Rektor der Universität Basel.

Man leistet und leistet sich selbst nichts

Der große Soziologe Max Weber hat festgestellt, dass der Protestantismus eine Hauptwurzel für den Kapitalismus ist. Die Gläubigen seien bestrebt,  zwar viel zu leisten, sich selbst aber nichts zu leisten. Das führe zur Bildung von Kapital und Wohlstand. Vom Wohlstand werde abgeleitet, dass Gott einem wohlgesonnen sei. Denn sonst hätte er einem die Wohltaten nicht gegönnt. “Wer sich dicke Autos leisten konnte, durfte davon ausgehen, dass Gott ihn erwählt und nicht verworfen hatte”, schreibt Klaas Huizing in seiner Biographie “Calvin….und was vom Reformator übrig bleibt” (edition chrismon). Für Calvin, so Huizing, “ist nur der feste Glaube Zeichen der Erwählung”. Erst spätere Generationen deuteten auch den Wohlstand als Erkenntnisgrund, von Gott nicht verworfen zu sein. “Man muss also sehr genau zwischen Calvin und Calvinismus unterschieden.” Ähnlich argumentiert Gäbler. Die These, vom Wohlstand auf den Heilsstand zu schließen, sei nicht von Calvin, sondern vor allem vom amerikanischen Puritanismus unter Benjamin Franklin vertreten worden. Der amerikanische Protestantismus ist aber wesentlich von Calvin geprägt.  

Die Angst vor der Verdammnis

Das Streben calvinistischer Protestanten nach einem gottgefälligen Leben liegt in Calvins Lehre der “Doppelten Prädestination”: Gott habe von Anbeginn der Schöpfung die Menschen entweder zum ewigen Heil oder zur ewigen Verdammnis bestimmt. Die Angst vor der Verdammnis führt dazu, dass die Anhänger nach Anzeichen suchen, ob sie auserwählt sind oder zu den Verworfenen gehören. Große Autos können daher ein positives Zeichen sein, wenn sie mit der nötigen Demut gefahren werden.

Nur Christus ist das Haupt der Kirche

Gärbler nennt eine weitere wesentliche Auswirkung von Calvins Lehre: Die Überzeugung, dass Kirche von unten gebaut werden muss. Zu Calvins Lebzeiten im 16. Jahrhundert habe es drei Modelle von Kirchenordnung gegeben. 1. das traditionalistische , von der römisch-katholischen Kirche geprägte. 2. das lutherische, das ebenfalls von oben, aber von den jeweiligen Landesherren geprägt wurde, und 3. das calvinistische, das auf dem Gemeindemodell aufbaut. Die Einzelgemeinde ist hier vollgültig Kirche. Kirchenleitung wird als repräsentative Demokratie verstanden. Einzig Christus sei das Haupt der Kirche. Alle Kirchenleiter sind letztlich nur Diener Christi. Und wie in der politischen Macht soll die Leitung auf mehrere Schultern in einem Kollegium verteilt werden.

“Fragen, suchen, liebhaben”

Mittwoch, 22. April 2009

Schriftsteller Adolf HollDer Religionsphilosoph und suspendierte Priester Adolf Holl lädt die Menschen dazu ein, selbst die großen Fragen des Lebens zu beantworten und sich ihre eigene Religion zu basteln.  

Nächstes Jahr wird er 80 und dennoch ist er spritzig, belebend und erfrischend. Der suspendierte Priester, Religionsphilosoph und Schriftsteller Adolf Holl begeisterte Mittwochabend (21.4.2009) im Linzer Casineum den bis auf den letzten Platz gefüllten Saal, als er sein neues Buch “Wie gründe ich eine Religion” (Residenz-Verlag) auf Einladung der Buchhandlung Fürstelberger vorstellte. “Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu sein”, beendet er sein Oeuvre. Glücklich sein könne man nur in einzelnen Momenten sein, sagte er, “diese Wellness-G’schichten werden uns alle einidruckt. Das ist ein ganz niederträchtiger Kapitalismus. Wir können froh sein, wenn die Sonne scheint und es uns gut geht.” Diese Wellness-Welle, die Glück verspreche, sei ein einziger Schmäh.

Die Menschen werden unterschätzt

“Unsere Namen werden verschwinden”, schreibt Holl. “Wir haben Fragen gestellt, die ohne Antwort geblieben sind. Wir fragen weiter.” Woher kommen wir, wohin gehen wir, was ist der Sinn des Lebens, warum hat sich meine Frau scheiden lassen?” Diese Fragen würden von den Obrigkeiten unzureichend beantwortet. Die Menschen würden sich hier ihre eigene Religion basteln. Und die Denkfähigkeit der Menschen in Bezug auf das Religionsbasteln “ist nicht zu unterschätzen”. Fragen, suchen, liebhaben, so sei das Leben.

Ohne das Enterische geht es nicht

“Abends, wenn ich meine letzte Zigarette rauche, versetze ich mich in die Gegenwart Gottes. Das gelingt einmal besser, einmal schlechter. Ich verspüre da eine Geborgenheit. Dann gehe ich schlafen.” Manchmal finde er diese Geborgenheit auch in einer alten Barockkirche. Die Frage der Moderatorin Christine Haiden, ob der Katholizismus eine Männerreligion sei, bejahte er: “Ja, solange nur Männer die Messe zelebrieren dürfen.” Je älter eine Religion werde, umso müder werde sie. Dann müsse man sie neu gründen, wie das zum Beispiel Franz von Assisi oder Ignatius von Loyola getan hätten. Woran erkenne man jemanden, der eine Religion gründen wolle? “Am stechenden Blick”, antwortet er und lacht. Charakteristisch für eine Religion sei auch, dass sie Strukturen und Festes und Sichtbares wie Kirchen, Gebäude, etc. benötige. Aber wenn man sichtbar sei, sei man schon im Verfall. Eine Religion komme auch nicht ohne das Irrationale, ohne außerirdische Instanzen, ohne das Enterische aus.

Priester werden verschwinden

Die Zeiten bleiben spannend. “Das Duo Thron und Altar, das 5000 Jahre alt ist, ist ein Auslaufmodell. Die Könige sind den Bach schon hinuntergegangen. Die Priester werden folgen.”

“Die Reichen sollen zahlen”

Montag, 20. April 2009

Wenn der Staat von den Bürgern neue Steuer haben will, muss er selbst auch Leistungen erbringen und einsparen. Eine umfassende Staats- und Verwaltungsreform ist überfällig.

“Die Reichen haben uns das Schlammassel eingebrockt und sie sollen gefälligst dafür zahlen.” Unter diesem Motto hat der steirische Landeshauptmann Voves eine Debatte über die Einführung einer Reichen- sprich Vermögenssteuer losgetreten, die zwar von vielen Parteifreunden freudig aufgegriffen wurde, doch auf hartnäckigen Widerstand von Bundeskanzler Werner Faymann stößt.

Aktienbesitzer abgestraft

Faktum ist, dass nicht jene 77.000 Österreicher, die über eine Million Dollar (rund 777.000 Euro) und mehr verfügen, an der Wirtschaftskrise schuld sind. Verursacht wurde sie durch das Platzen der Immobilienblase in den USA und jene vielen Banken weltweit, die solche Immobilien-Wertpapiere gekauft haben.  Die reichen Österreicher, die sicherlich Geld auch in Aktien angelegt haben, wurden durch den durchschnittlichen Verlust von 50 Prozent bereits einmal abgestraft. 

Wer hat, muss mehr geben

Um die enorme Wirtschaftskrise abzumildern, haben die Staaten weltweit viel Geld in die wirtschaftlichen Kreisläufe gepumt. Eine richtige Entscheidung. Sie hat zu enormer Verschuldung der Staaten geführt. Dieses Geld muss zurückbezahlt werden. Dazu werden alle Bürgerinnen und Bürger zur Kasse gebeten werden. Im Sinne der Solidarität werden jene, die mehr haben, auch mehr leisten müssen.

Börsentransaktionssteuer

Ganz wesentlich ist die Definitonsfrage von “reich”. Gehören jene, die sich mit viel Mühe eine Eigentumswohnung oder ein Haus erspart haben, zu den Reichen? Wohl nicht. Sie verfügen in der Regel über ein durchschnittliches Einkommen. Es wäre wohl naheliegender, zum Beispiel eine Börsentransaktionssteuer einzuführen. Denn wer mit Wertpapieren handelt, vefügt in der Regel über Geld.

Überregulierungen

Wenn der Staat nun wieder einmal die Bürger zur Kasse bitten will, muss man ihn bzw. die ihn vertretenden Parteien fragen, wo denn seine Leistung liegt? Was bringt er ein? Obwohl die Parteien seit mehreren Jahren darüber diskutieren,  bleiben sie eine grundlegende Staats- und Verwaltungsreform schuldig. Wer benötigt beispielsweise den Bundesrat, die Landtage, die überbordende Schulverwaltung mit den Landesschulratspräsidenten und den Bezirksschulinspektoren? Wer braucht die Beamten, die ständig neue Ge- und Verbote im Straßenverkehr erfinden? Wir haben in vielen Bereichen Überregulierungen. Seit dem EU-Beitritt wird der Großteil der Gesetze in Brüssel beschlossen, doch der Politiker- und Beamtenapparat wurde nicht verkleinert.

Bei der Bürokratie einsparen

Wenn nun der Staat neuerlich die Geldbörsen der Bürgerinnen und Bürger öffnen will, muss er gleichzeitig sagen, wo er selbst einspart. Das ist er allen schuldig.

Die Jungen zahlen die Rechnung

Samstag, 18. April 2009

Der Neubau des Linzer Musiktheaters ist ein Musterbeispiel, wie durch das Versagen von Parteien, Medien und Teilen der Bevölkerung Projekte verhunzt und die Steuerzahler zur Kasse gebeten werden.

Der Spatenstich für das Linzer Musiktheater wurde zwar am Mittwoch (15.4.2009) mit pompösem Trara durchgeführt, doch das Projekt ist eine vertane Chance. Hätte die FPÖ unter ihrem damaligen Landesobmann Hans Achatz nicht eine Kampagne gegen die Oper am Berg durchgeführt und wären die Bürgerinnen und Bürger im Jahr 2000 dieser durchsichtigen Polit-Agitation, unterstützt von der Kronen-Zeitung, nicht auf den Leim gegangen, würde es heute im Jahr der Europäischen Kulturhauptstadt (2009) bereits schöne Aufführungen im Musiktheater am ursprünglich geplanten Standort Schloßberg geben.  Stattdessen wird es mit zehnjähriger Verspätung an der Blumau errichtet, an jedem Standort, an dem es Adolf Hitler bereits 1938 haben wollte. Statt eines visionären Projekts am Schloßberg werden wir einen architektonisch mittelprächtigen Bau an der Blumau bekommen, der wegen der Zeitverzögerung die Steuerzahler wesentlich mehr kosten wird.  

Kosten werden sich mindestens verdoppeln

Die Geschichte des Musiktheaters ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wie durch Unentschlossenheit der Führungskräfte (ÖVP), durch den Versuch, parteipolitisches Kleingeld zu schlagen (SPÖ), durch Populismus (FPÖ) und durch kleingeistige Medienkampagnen (Kronen-Zeitung) sinnvolle und zukunftsträchtige Lösungen verhindert werden. Die Rechnung wird der jüngeren Generation serviert. Sie muss die höheren Kosten bezahlen und sie erhält verspätet die schlechtere Lösung.  2004 wurden die Kosten mit 111 Millionen Euro veranschlagt, 2006 mit 150 Millionen. Erfahrungsgemäß werden es 2012 mehr als 200 Millionen Euro sein.

“Des brauch’ ma net!”

Der einzige Trost an dieser vertanen Chance ist, dass in den Jahren der Wirtschaftskrise es wenigstens hier Aufträge für die Bauindustrie gibt. Denn das Musiktheater soll 2012 fertiggestellt werden.  In Wahrheit ist das Musiktheater ganz wesentlich auch ein Mahnmal für das Versagen von Politik, Medien und Teilen der Bevölkerung, die meinen, ”des brauch’ ma net”.

“Alle sind gekränkt”

Freitag, 17. April 2009
Der Bestseller-Autor Andreas Salcher fordert in der aktuellen Schuldebatte eine Grundsatzdiskussion
Thalia-Leiterin Gabriele Förster und Buchautor Andreas Salcher

Thalia-Leiterin Gabriele Förster und Buchautor Andreas Salcher

 

“Alle sind gekränkt. Die Unterrichtsministerin Schmid, weil sie kein Verständnis für ihre Forderung nach zwei Stunden mehr findet, die Lehrer, weil sie wegen ihres Neins zu zehn Prozent Mehrarbeit in der Öffentlichkeit als faul angeprangert werden, die Eltern, weil sie am Lehrer-Streiktag (23.4.09) auf ihre Kinder aufpassen müssen, und die Schüler, die den Pisa-Test verweigern, weil es in der Debatte eigentlich nicht um sie geht.” Andreas Salcher,  Autor des Bestsellers “Der talentierte Schüler und seine Feinde”, sieht im aktuellen Schulfiasko seine im Buch geäußerte Grundsatzkritik am österreichischen Schulsystem bestätigt. “Es gibt eine einzig relevante Frage: Dienen die Maßnahmen dem Wohl und der Zukunft der Schüler?”

Zum Autor des Jahres gekürt

Salcher stellte Donnerstagabend (23.4.2009) bei Thalia in Linz seinen neuen Bestseller “Der verletzte Mensch” vor (lesen Sie dazu auch den übernächsten blog-Eintrag). Er zeigte sich gut gelaunt, war er doch am Vorabend in Wien zum Autor des Jahres gekürt worden, sein Verlag ecowin zum Verlag des Jahres. Salcher meint, das Schulsystem brauche eine umfassende Wertediskussion. “Man muss sich darüber klar werden, was die Schule leisten soll. Soll sie die Defizite in der Erziehung der Eltern ausgleichen? Soll sie Leistung vermitteln? Soll sie den vorgetragenen Stoff abprüfen? Soll sie eine Kinderaufbewahranstalt sein?” Kurzfristig, so Salcher, sei er in der Schuldebatte pessimistisch, denn es bestehe die Gefahr, dass man sich mit einem oberflächlichen politischen Kompromiß über die Grundsatzdebatte drüberschwindle. Langfristig sei er aber optimistisch.

Jeder entscheidet selbst

Salcher rief in seinen Schlußworten die rund 300 Zuhörer auf, es liege an jedem selbst wie er seine Leben gestalte. “Es ist unsere Entscheidung, wie wir die Aufgaben erledigen. Jeder trifft die Entscheidung selbst.” Er gab seine drei Lieblings-Zitate aus dem Buch zum Besten, mit denen er sein neues Ouevre schließt.

“Was sollst du tun, wenn du im Loch bist? Aufhören zu graben!”

“Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt” (Albert Camus)

“Wer seinen Nächsten verurteilt, kann irren, wer ihm verzeiht, irrt nie.” (Karl Heinrich Waggerl)

“Streit zehrt, Frieden nährt”

Samstag, 11. April 2009

Landeshauptmann a.D. Dr. Josef Ratzenböck

Landeshauptmann a.D. Dr. Josef Ratzenböck

Ein menschliches und politisches Vorbild: Landeshauptmann a.D. Josef Ratzenböck feiert seinen 80. Geburtstag

 

Nichts kennzeichnet das Wirken von Ex-Landeshauptmann Josef Ratzenböck besser als sein oft zitiertes Sprichwort “Streit zehrt, Frieden nährt”. Am 15. April 1929 geboren, wuchs er in der Zwischenkriegszeit auf. Er bekam die Februarkämpfe 1934 mit, als Österreicher auf Österreicher schossen. Als die Deutschen 1938 Österreich besetzten, sagte seine Mutter, “es wird Krieg geben. Gut, dass der Pepi noch so klein ist.” Trotz seiner 15 Jahre wurde der Pepi noch in die Wehrmacht eingezogen und er erlebte die Schrecken des Kriegsendes.

Zusammenarbeit geht über alles

Die Zeit der Not blieb. Die erste Wohnung des frisch verheirateten Paares Anneliese und Josef Ratzenböck war nur 17 Quadratmeter klein. Aber es wurde stetig besser. 1977 wurde der Wirts- und Bauerssohn aus Neukirchen am Wald zum Landeshauptmann gewählt. Als Österreich 1995 der EU beitrat, ging er. Er sah darin einen Schlußstein und Höhepunkt seiner Arbeit: Konflikte und Klüfte zu überwinden, um gemeinsam an einem Strang zu ziehen.

Kein negatives Wort

30 Jahre habe ich das Wirken von Ratzenböck mehr oder weniger intensiv begleitet und beobachtet. Ich habe von ihm nie ein negatives Wort über Mitmenschen oder politische Mitbewerber gehört. Bei kaum einem anderen Menschen habe ich das erlebt. Die Not hat ihn gelehrt, wie wichtig soziale Anliegen sind. Das Sozialbudget ist gewachsen und gewachsen, Oberösterreich ist hier sicher beispielgebend. Er hatte kein Problem damit, Vorschläge der Opposition umzusetzen. Das brachte ihm zwar den Vorwurf des Trittbrettfahrers ein, was ihn aber nicht störte. Seine Devise war, Partei komme vom lateinischen “pars” und bedeute Teil. Keine Partei habe die Weisheit mit dem Löffel gegessen, nur alle gemeinsam könnten das Ganze schaffen.

Vorbild an Selbstdisziplin

Raztenböck war und ist ein Vorbild an Selbstdisziplin. Legendär waren seine Sprechtage, die um sechs Uhr früh begannen. Jeder konnte mit seinen Anliegen kommen, es war ihm niemand und nichts zu minder. Zeit seines Lebens war er Frühaufsteher, bei Abendveranstaltungen war er um spätestens 22 Uhr weg. Diese Selbstdisziplin ist der Grund für seine heutige Fitness, der Stress und der totale Einsatz bei den vielen Veranstaltungen landauf und landab haben ihm nichts angetan. Denn er war gern unter den Leuten. 

Begnadeter Geschichtenerzähler

Seine  große Gabe war das Geschichtenerzählen. Er gibt in der Politik wahrscheinlich keinen begabteren als ihn. Die Menschen hörten ihm begeistert zu, sie tun es heute noch. 

Musik ist die Sprache der Seele

In einem Bereich hat Ratzenböck Spuren hinterlassen, die weit über sein Wirken hinausgehen. Er hat die Musikschulen gegründet. Jahr für Jahr werden seither hunderte ausgezeichnete Musiker ausgebildet. Wie Wasser dringt diese Qualität in alle Poren des Landes ein. Eine Konsequenz dieser segensreichen Einrichtung sind die Musikkapellen, die heute Werke auf einem Niveau spielen, von dem wir früher nur träumen konnten. Alle Landsleute profitieren, denn Musik sit die Sprache der Seele und verbindet über alle Grenzen hinweg.  

Josef Ratzenböck erzählt die Geschichte seines Lebens, das im Herbst als Hörbuch erscheint. Aufgelockert werden die einzelnen Geschichten durch Aufführungen von Orchestern der Landesmusikschulen. Wer daran Interesse hat sendet bitte ein email an josef.ertl@ertl-media.at.

Vom verletzten Menschen zur Schule des Herzens

Donnerstag, 09. April 2009

Neues Buch von Andreas Salcher: Wie man Verletzungen und Enttäuschungen in Sinn und Erfolg umwandelt

Jeder von uns wird verletzt. Ein Leben lang. Als Kind, als Jugendlicher, als Erwachsener. Die Frage ist, wie wir mit diesen Verletzungen umgehen, wie wir darauf antworten. Mit Rache, mit Niedergeschlagenheit, Depression, mit Aggression? Andreas Salcher beschäftigt sich genau mit diesem Thema und hat darüber ein sehr bemerkenswertes Buch geschrieben: “Der verletzte Mensch”, eine Neuerscheinung im ecowin-Verlag.

 Positivbeispiel Mandela, Negativbeispiel Hitler

Am Donnerstag, 16. April 2009, präsentiert Salcher sein neues Werk um 19.30 Uhr bei Thalia Linz, Landstraße 41. Der Eintritt ist wie immer frei. Es ist eine ebenso rege Diskussion zu erwarten wie vor einem Jahr, als er seinen schulkritischen Bestseller “Der talentierte Schüler und seine Feinde”  vorstellte. “Welch gewaltigen positiven Energien und welch ungeheure Zerstörungskraft in der Transformation von Verletzung in Talent liegt, zeigen die Beispiele von Nelson Mandela und Adolf Hitler”, schreibt Salcher. “Mandela wurde bekanntlich 27 Jahre lang von seinen Gegnern im Gefängnis eingesperrt und hätte nach seiner Freilassung alle Möglichkeiten gehabt, sich an seinen Feinden zu rächen. Er entschied sich aber für die Vergebung und sein Beispiel war die Voraussetzung für den beginnenden Versöhnungsprozess in Südafrika.  Adolf Hitler wurde in seiner Jugend aufs Brutalste von seinem autoritären Vater geschlagen und gedemütigt, schaffte dann den Aufstieg vom Männerasyl zum umjubelten Führer eines ganzen Volkes. Sein Weltbild vom Lebensrecht des Stärkeren, von der Grausamkeit und der Härte gegen andere Rassen wurde in dieser Schule der Gewalt gebildet und ließ ihn nie wieder los. Sein unstillbarer Hass machte ihn zum Mörder an Millionen von Menschen.” “Getrieben von der schwärenden Rachsucht des Untauglichen, des zehnfach Gescheiterten, habe Hitler die Welt sich zu Füßen legen wollen”, zitiert Salcher Thomas Mann.

In der tiefsten Verletzung liegen die größten Talente

Der Autor vertritt die These, dass “in unserer tiefsten Verletzung unser größtes Talent liegen kann” und nennt fünf Punkte:

♦ Wir tun alles, um unserer ursprünglichen Verletzung im Lauf unseres Lebens auszuweichen.

♦ Auf den vielen Umwegen entwickeln wir Kompetenzen.

♦ Sieger interpretieren Verletzungen anders als Verlierer.

♦ Sieger richten ihre Anstrengungen auf ihre natürlichen Talente und nützen diese Stärken für sich und andere.

♦ Sieger geben ihrer Verletzung Sinn.

Die hohe Kunst der Vergebung

Schlußendlich zitiert Salcher den Benediktinermönch David Steindl-Rast, der meint, der Prozess des Vergebens besteht aus drei Stufen, wobei jede Stufe schwieriger zu nehmen sei als vorangegangene.

1. Stufe: das Aufgeben. So müssten Mütter das erste Mal ihre Kinder aufgeben, wenn sie geboren sind, dann, wenn sie in die Schule kommen. Später nochmals in der Pubertät. Das sei leicht zu verwechseln mit dem Fallenlassen, sei aber ganz etwas anderes.

2. Stufe: Das Annehmen in Dankbarkeit.  Wie oft werde uns erst im Nachhinein bewußt, wie wichtig eine bestimmte Niederlage für den weiteren Verlauf des Lebens gewesen sei.

3. Stufe: das Vergeben. Sie sei die bei weitem Schwierigste. Im Alten Testament stehe: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.” Für Steindl-Rast eine Fehlübersetzung. Richtig sollte es heißen: “Liebe deinen Nächsten als dich selbst.” Wir lieben andere nicht deshalb, weil sie uns ebenfalls lieben, sondern weil wir wie sie sind.

Priester im voest-Blaumann: Rupert Granegger

Mittwoch, 08. April 2009

Granegger in seiner Arbeitskluft unterwegs im Stahlwerk.

Granegger in seiner Arbeitskluft unterwegs im Stahlwerk.

Eine Reportage in DER ZEIT: Wie der Arbeiterpriester die Stahlarbeiter auf ihrem bangen Weg durch die Krise begleitet

“Die Situation ist sehr angespannt. Es herrscht Ratlosigkeit, wie es weitergehen soll.” Johann Hochgatterer ist Meister im Linzer Stahlwerk voestalpine und für die Klima- und Brandmeldeanlagen zuständig. “Vor einem Jahr hatten wir das beste Ergebnis der Unternehmensgeschichte. Nun ist alles anders und wir Mitarbeiter haben das Gefühl, wir müssen die Rechnung für die internationale Finanzkrise bezahlen.”

“Die Buben sind weidwund”

10.000 Arbeiternehmer sind am Linzer Hauptstandort der voestalpine beschäftigt. Sie haben Angst um ihren Job. Die Kurzarbeit tragen sie mit, nun fürchten sie als nächsten Schritt Kündigungen. “Ich brauche die Buben nur beobachten, wie sie mich fragend anschauen, ob ich etwas Neues weiss. Die sind weidwund.” Mit Buben meint Hochgatterer jene 20-, 25-jährigen Leasingarbeiter, die gerade eine Familie gegründet haben und sich eine Existenz aufbauen. Obwohl sie sich zu Leistungsträgern entwickelt haben, sind sie gefährdet, als erste gekündigt zu werden, weil sie Leasingverträge haben. “Es tut mir das Herz weh, wenn ich daran denke, dass ich mich von ihnen trennen muss. Ich habe sie selbst ausgesucht.” In der Belegschaft kursieren Gerüchte, die Produktion werde von bisher 70 auf 50 Prozent zurückgefahren.

Den Job soll ein anderer behalten

Zu Hochgatterers 40-köpfiger Abteilung für die Klimageräte gehört auch Rupert Granegger. Der 45-Jährige ist zur Hälfte in der voestalpine angestellt, zur anderen Hälfte leitet der Priester die voest-Pfarre der römisch-katholischen Kirche. Für den Job in der Firma erhält er 800 Euro netto im Monat, als Priester 1100 Euro, da ihm der voest-Lohn vom Pfarrergehalt abgezogen wird. Sein unmittelbarer Arbeitskollege Reinhod Schichl schwärmt: “Der Rupi ist für die Kleinklimageräte zuständig. Er ist technisch ein kleines Genie. Dem zeigt man es einmal und er kann es. Wenn er die Arbeitskluft an hat, ist er ein richtiger voestler. Er ist sich für nichts zu schade. Wenn es sein muss, greift er genauso in den Dreck wie die anderen.” Er, Schichl, habe den Rupi sehr liebgewonnen. Doch Granegger wird demnächst aus dem Konzern ausscheiden. Schichl: “Weil es so schlecht steht, will er sich aufopfern. Er glaubt, er nimmt einem anderen den Arbeitsplatz weg.”

Die Osterbotschaft: “Du stehst nicht allein da”

“Bevor ein anderer gekündigt wird, gehe ich natürlich”, sagt Granegger, der sich explizit als Arbeiterpriester und nicht als herkömmlicher Pfarrer versteht. “Jeder, der jetzt geht, sichert einem Jungen den Arbeitsplatz.” Wenn ein Arbeitsplatz nicht gesichert werden könne, ist das sehr, sehr tragisch, weil das für jeden ein existenzieller Einschnitt ist.” Seine pastorale Mission sei es, den Schwächeren und Gestrauchelten beizustehen und zu verhindern, dass die Arbeitslosen mit ihrem Job nicht auch noch die Würde verlieren. So lautet auch seine Osterbotschaft in diesem Krisenjahr: “Was immer dir widerfährt, du stehst nicht allein da.”

Meine umfassende Reportage über Granegger lesen Sie unter Titel “Das Seelenheil des Stahlwerks” diese Woche in der Wochenzeitung DIE ZEIT (Ausgabe 16 vom 8.4.2009) auf den Seiten 11 und 12.