Der Sozialmarkt SOMA unterstützt Bedürftige mit günstigen Lebensmittel. Vor zehn Jahren gegründet, gibt es nun bereits 23 Märkte in ganz Österreich.
Es ist Freitag, knapp vor zehn Uhr. Eine Schlange von rund 30 Menschen wartet vor dem Sozialmarkt Soma in Linz, Wiener Straße 46. Fast alle sind Frauen, manche haben ihre Kinder mit, sie tragen Taschen und Rucksäcke. Sie sind gut und adrett gekleidet. Außenstehende würden nie vermuten, dass die Wartenden arm sind. So arm, dass sie anstehen müssen, um ein Kilogramm Brot für 30 Cent zu bekommen.
Es finden nur 20 Einkaufswagerl Platz
Sie sind geduldig und diszipliniert. Manchmal klingelt ein handy oder es wimmert ein Kind. Die Blicke richten sich sehnsüchtig auf das eiserne Gitter, das die Abteilungsleiterin Inge Jachs pünktlich um Zehn aufsperrt. Sie begrüßt die Kunden mit einem freundlichen Guten Morgen, die Ersten dürfen rein in den Markt, der sich äußerlich kaum von normalen Supermärkten unterscheidet. Weil die Verkaufsfläche mit 200 Quadratmetern klein ist und nur 20 Einkaufswagerl zur Verfügung stehen, werden nicht alle auf einmal vorgelassen. Wenn die Ersten bezahlt haben und somit wieder Wagerl frei sind, öffnet sich das Gitter für die Nächsten. Die Anstehenden müssen sich gedulden.
Acht Euro für Waren im Wert von 60 Euro
Ein Warten, das sich lohnt. „Ich habe gestern acht Euro bezahlt und Waren bekommen, die im normalen Supermarkt bestimmt 60 Euro gekostet hätten“, erzählt die Mutter eines 17jährigen Sohnes und einer 14jährigen Tochter. 2,5 Kilogramm Schinken, ein Kilogramm Frankfurter, vier Packerl Semmerl zum Aufbacken, Osterkron-Käse, Thunfisch und Apfelmus. „Wenn man Kinder hat, muss man etwas machen, dass sie satt werden. Zum Beispiel Thunfischaufstrich oder Spaghetti Carbonara“, sagt die 48jährige Alleinerzieherin. „Ich habe das von meiner Oma gelernt.“ Ihr Leben ist hart. Aufgrund verschiedener Erkrankungen ist sie zu 50 Prozent Invalide, deshalb kann sie auch nicht mehr als 25 Wochenstunden arbeiten. Sie wurde vor zehn Jahren geschieden, das Haus in Enns musste verkauft werden, der Ex zahlt keinen Unterhalt, weder für sie noch für die Kinder. Die Familie muss von 800 Euro netto im Monat leben. Deshalb darf sie auch bei Soma einkaufen. Die Obergrenze liegt beim Ausgleichzulagenrichtsatz, der heuer für den Einzelpersonenhaushalt 775 Euro beträgt. Wer darunter fällt, erhält einen Ausweis, der zum Einkauf bei Soma berechtigt.
Täglich 200 bis 250 Käufer
Die Schar der Käufer im Linzer Markt wächst und wächst. Im Schnitt sind es derzeit 200 bis 250 täglich. In letzter Zeit sind besonders Frauen, Junge und Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen von der zunehmenden Armut betroffen. „Die Nachfrage ist groß und wird permanent größer“, sagt Alexander König, der Linzer Standortleiter. Soma Linz war der erste soziale Supermarkt, er ist 1999 gegründet worden. Mittlerweile gibt es in ganz Österreich 23 solche Märkte mit rund 30.000 Kunden. Die Idee ist bestechend einfach, der Erfolg kein Wunder. Supermärkte wie maximarkt oder der Lebensmittelgroßhändler Pfeiffer überlassen Soma Waren, die zwar noch in Ordnung sind, aber normalerweise im Müll landen würden. Wie zum Beispiel Osterhasen nach Ostern. „Wir holen diese Waren in den Kreislauf zurück, um sie Menschen anzubieten, die Probleme in der Grundversorgung haben.“ Man helfe damit den Supermärkten auch sparen, denn sonst müssten sie für die Entsorgungskosten aufkommen. „Wir garantieren jedem Lieferanten, dass wir die Waren innerhalb von 48 Stunden abholen.“ Mittlerweile gibt es bereits rund 1000 Partnerbetriebe. Manche wie Fischer-Brot schenken selbst frische Ware her. Täglich stellt der Großbäcker Roland Fischer einen Klein-Lkw voll mit frischgebackenem Brot gratis zur Verfügung.
Manche kauften anfangs den Laden leer
Das soziale Engagement wurde zu Beginn von besonderen Schlaumeiern auch ausgenutzt. Einzelne kauften den Laden leer, um die Ware ein paar Straßen weiter zum vollen Preis zu verhökern. Um diesem Missbrauch einen Riegel vorzuschieben, darf nur mehr maximal dreimal die Woche um maximal acht Euro eingekauft werden.
Dem Linzer Bürgermeister Franz Dobusch ist Soma ein besonderes Anliegen. Er stellte 100.000 Euro für den Umbau des Marktes zur Verfügung. Zudem hat die Stadt 25 Langzeitarbeitslose angestellt, die für Soma arbeiten.
Mittagsmenü für 40 Cent - Auch Begüterte sind eingeladen
Mit dem Gewinn aus dem Lebensmittelverkauf wird das kleine Restaurant, das ein Stockwerk über dem Supermarkt liegt, subventioniert. Das Mittagsmenü kostet lediglich 40 Cent, dafür gibt es Suppe, eine Haupt- und eine kleine Nachspeise. Der Mittagstisch ist für jedermann/frau zugänglich, denn man möchte, dass sich bei Tisch alle zusammensetzen und die sozial Schwächeren nicht unter sich bleiben. Wer sich die 40 Cent nicht leisten kann, erhält das Menü gratis. „Aber wir wollen keine Almosen geben, das hat mit der Würde der Betroffenen zu tun“, so Soma-Vorstandsmitglied Karl Hiebinger. „Wir gehen mit den Leuten freundlich und wertschätzend um, nicht anders als Billa oder Hofer.“
“Ich bin nicht ausländerfeindlich, aber…..”
Aber selbst bei Menschen mit geringem Einkommen ist Sozialneid spürbar. „Ich bin nicht ausländerfeindlich“, sagt die 48jährige Mutter, „aber die sind unerhört und frech. Die greifen jede Semmel zehnmal an.“ Und die Ausländer wüssten von den Sozialaktionen viel früher. Vom Ausländerreferat des Magistrats. Ein 54jähriger Arbeitsloser, der bis Jahresbeginn bei einem Sicherheitsdienst beschäftigt war, äußert ebenfalls Vorbehalte gegen Ausländer, die hier im Soma-Markt mindestens die Hälfte der Kunden ausmachen würden. Diese würden alles ausnutzen, das Gekaufte zu Hause horten oder wegwerfen. „Aber Soma ist für mich eine große Unterstützung“, bekennt er. Er selbst muss mit 100 Euro pro Monat für das Alltägliche das Auslangen finden. Er sucht dringend Arbeit, „aber da schaut es schlecht aus. Es muss sich drastisch etwas ändern.“
Eine Hoffnung, die nur schwer zu erfüllen sein wird. Denn die Experten erwarten für Herbst neue Rekordziffern an Arbeitslosen.