Er setzte an zum großen Sprung. Seit Jahren hatte er kontinuierlich und konsequent auf sein großes Ziel hingearbeitet: die erstmalige Eroberung des Landeshauptmanns für die Sozialdemokraten. Doch das Ergebnis für Erich Haider war ein dramatischer Absturz. Die oberösterreichische SPÖ fiel am Sonntag mit einem Minus von mehr als 13 Prozent und einem Stimmenanteil von 25 Prozent auf den tiefsten Stand seit 1945. Die Zahl der Regierungssitze wurde von vier auf zwei halbiert, dazu kam der Verlust von acht Landtagssitzen. Haider „Das ist meine erste große Niederlage. Die muss ich nun verdauen und verarbeiten.“
Selbst in der Stunde der historischen Niederlage zeigte der Mühlviertler Größe. Schwer gezeichnet, nahm er den medialen Spießrutenlauf auf sich und absolvierte persönlich alle Interviews am Wahlabend. Er stellte sich hin und sprach von einer „sehr, sehr schweren Niederlage“. Kein Wort der Kritik an der Bundes-SPÖ und der Regierung, obwohl diese natürlich auch mitverantwortlich ist. In der Landesparteizentrale in der Linzer Landstraße 36 versuchte er Gelassenheit auszustrahlen – der Begräbnisstimmung zum Trotz.
Umfragen täuschten
Mit einem Stimmenverlust hatte der 52-jährige Haider gerechnet. „Unsere Umfragen zeigten für uns zwischen 32 und 34 Prozent. Aber wir haben erwartet, dass die ÖVP wesentlich mehr verliert.“ Deshalb gab er selbst noch am Wahlsonntag die Losung aus, die SPÖ werde stimmenstärkste Partei werden.
Haider rätselt über die Ursachen
Die Ursachen für den Absturz bleiben dem SPÖ-Landesparteivorsitzenden unklar. Hat er Fehler gemacht? „Es ist schwer zu sagen. Niemand hat an unseren Themen wie Jugendbeschäftigung, Pflegevorsorge, Verlängerung der Hacklerregelung, etc. gezweifelt. Die Stimmung bei den Hausbesuchen war gut.“ Im tiefschwarzen Rohrbach im Mühlviertel seien zur SP-Veranstaltung 3500 Besucher gekommen, zur VP lediglich 1500. „Die Niederlage ist nicht mit einfachen Worten zu erklären. Das ist keine einfache Analyse.“ Scheinbar stimme das oberösterreichische Sprichwort „Wer schimpft, der kauft“. Viele hätten ihm ihr Leid und ihren Ärger über die ÖVP geklagt, gewählt wurden die Konservativen aber offensichtlich trotzdem.
Landeshauptmannfrage spielte der ÖVP in die Hände
Haiders langjähriger Mentor, der Linzer Bürgermeister Franz Dobusch, hat schon eine Erklärung. Er hält es für einen Fehler, dass Haider die Landeshauptmann-Karte gezückt hat. Das habe er mit der Aussage, stärkste Partei werden zu wollen, getan. „Die ÖVP hat dann diese Karte total gespielt.“ Haiders Wahlkampf war widersprüchlich. Denn auf der einen Seite führte die SPÖ einen reinen Themenwahlkampf und plakatierte Slogans wie „Gegen den Ausverkauf“, auf der anderen Seite erhob Haider doch den Anspruch Landeshauptmann zu werden. Damit öffnete er der ÖVP Tür und Tor, die ihren Wahlkampf wegen der guten Werte für Josef Pühringer rein auf die Person des Landeshauptmannes zugeschnitten hatte. Und zugleich warnte sie die Bürger vor einem Führungswechsel im Land, da Haider sich von der FPÖ zum Landeshauptmann wählen lassen würde. Dobusch: „Das erklärt einen Teil der Verluste.“ Landesgeschäftsführer Christian Denkmaier, der als Bürgermeister in seiner Heimatgemeinde Neumarkt im Mühlkreis mit 66 Prozent grandios bestätigt wurde, betont die dahinter steckende Motivation: „Wir wollten signalisieren, dass wir uns mit der Rolle des Zweiten nicht auf ewig abfinden wollten.“ Seit 1945 dominieren die Konservativen das Land.
Differenzen mit Faymann über Verhältnis zur FPÖ
Ein Momentum, das Haider auch geschadet hat, waren die unterschiedlichen Aussagen in der SPÖ zum Verhältnis zur FPÖ. Während Bundeskanzler Werner Faymann und die wesentlichen Bundesspitzen eine Koalition mit den Freiheitlichen dezitiert ablehnten, hielten Haider und seine Mannen die Variante mit der FPÖ offen. Bei der Regierungsklausur der SPÖ-Fraktion Anfang September in Linz konnten die Differenzen kaum überbrückt werden.
Sozialdemokraten europaweit in der Krise
Dobusch sieht die europäischen Sozialdemokraten in einer tiefgreifenden Krise. Denn auch die deutsche SPD sei mit Verlusten von elf Prozent auf 23 Prozent gefallen. Aber auch die portugiesischen Genossen hätten bei den Parlamentswahlen am Sonntag schwere Verluste eingefahren. „Wir Sozialdemokraten haben grundsätzliche Probleme. Die zu beantworten ist schwer.“ Geschäftsführer Denkmaier ist überzeugt, dass die Weltwirtschaftskrise den Sozialdemokraten auf den Kopf fällt. „Unsere Glaubwürdigkeit ist hier eine begrenzte, weil wir den Casinokapitalismus teilweise mitverwaltet und gestaltet haben.“ Und in Zeiten der Krise feierten offensichtlich konservative Rezepte fröhliche Urständ‘, da der SP zuwenig Wirtschaftskompetenz zugesprochen werde. Dagegen sei die SP dann gefragt, wenn es um Verteilungsgerechtigkeit gehe.
Integrationsfrage treibt der FPÖ die Wähler in die Hände
Wie schon in Vorarlberg, wo die SPÖ von 16 auf 10 Prozent abgestürzt ist, wurde auch im Land ob der Enns deutlich, dass die Sozialdemokraten ein Problem mit der Integrationspolitik haben. Besonders augenscheinlich wurde das in Wels, der zweitgrößten Stadt Oberösterreichs, die über einen hohen Ausländeranteil verfügt und politisch traditionell eine SPÖ-Hochburg ist. Die SPÖ verlor rund 19 Prozent der Stimmen und landete bei 35,7 Prozent, wogegen die Freiheitlichen überraschende 29 Prozent erzielten. Bürgermeister Peter Koits verlor in der Direktwahl fast 30 Prozent und muss in die Stichwahl gegen FP-Kandidat Bernhard Wieser, der 29 Prozent erhielt und vor sechs Jahren nicht einmal die Zehn-Prozent-Marke erreicht hatte. Koits: „In den Städten ist Integration das Thema schlechthin.“
Sein Einsatz in den ausländerstarken Stadtteilen wurde nicht honoriert
Haider betont am Wahlabend, er habe das Problem schon vor der Wahl erkannt und ein Programm für die Integration ausgearbeitet, aber: „Man hätte das viel früher regeln müssen.“ Er wusste um die Gefahr, dass in Stadtteilen mit einem hohen Ausländeranteil die Gefahr groß war, dass traditionelle SPÖ-Wähler zu den Freiheitlichen wechseln. Gemeinsam mit den anderen drei Landesräten und den zuständigen SPÖ-Bürgermeistern führte er dort Bürgerversammlungen durch. „Ich bin mehrfach durch die Wohnungen und Wohnblöcke gegangen und habe alle Klagen gesammelt.“ Honoriert wurde ihm dieses Engagement nicht. Laut Nachwahlanalyse wanderten 45.000 der 299.000 SPÖ-Wähler von 2003 zur FPÖ ab, 33.000 zur ÖVP.
Traditionell sozialdemokratische Themen zogen nicht
Erich Haider und seine Mitstreiter gaben alles. Sie setzten auf traditionell sozialdemokratische Themen wie Gerechtigkeit und Solidarität und sie scheiterten grandios. Hundertausende Betriebs- und Hausbesuche wurden nicht honoriert. Ein frustrierendes Unterfangen. Haider führte einen ähnlichen Wahlkampf wie bei seinem Erfolg vor sechs Jahren, als er rund 10 Prozent der Stimmen hinzugewann. Er präsentierte sich als Schutzschild für die sozial Schwächeren. Die kleinen Leute waren sein Anliegen, kam er doch selbst aus kleinen Verhältnissen. Sein Vater war Bauarbeiter und Betriebsrat, er setzte große Stücke auf seinen Sohn, verlange viel von ihm und förderte ihn. 20-Jährig wurde Erich Haider 1977 Organisationssekretär der SPÖ Oberösterreich. Mit unglaublich viel Fleiß und Engagement arbeitete er sich nach oben. 1983 wurde er Bezirksparteisekretär in Linz, nebenbei studierte er Informatik, was alles andere als ein einfaches Studium ist. Seit dieser Zeit rührt auch die Verbindung mit Bürgermeister Franz Dobusch, der ihn 1993 in den Stadtsenat berief.
Förderer Dobusch und Hochmair
1997 holte ihn der damalige SPÖ-Landesvorsitzende und Landeshauptmannstellvertreter Fritz Hochmair in die Landesregierung. 1998 wurde Haider Landesparteiobmann. Er übernahm eine in drei Lager gespaltene SPÖ. Denn Karl Frais, heute Klubobmann und Josef Ackerl, heute Soziallandesrat, hatten mit Hochmair um die Parteiführung gerittert.
Er einigte die zerstrittene Landes-SP
„Mein großes Verdienst ist die Einigung der Partei und die klare inhaltliche Ausrichtung.“ Haider änderte den Kurs der Landes-SP, die sich mit ihrem Dasein als zweite Kraft arrangiert hatte, löste sich aus der Umarmung der ÖVP und gab die Devise aus, den Landeshauptmann zu erringen. Dabei war er nicht zimperlich, was bei der ÖVP erhebliche Irritationen auslöste, die nach der Wahl 2003 zur Bildung der schwarz-grünen Koalition führten. „Seit dem Zeitpunkt, als er die Chance sah, Landeshauptmann zu werden, hat er nur mehr gnadenlosen Populismus und dirty campaining betrieben“, begründet der schwarze Landeshauptmannstellvertreter Franz Hiesl die Abkehr der ÖVP. „Er hat nun die Rechnung bekommen, die viel schärfer ausgefallen ist als je zuvor“, freuen sich die Schwarzen ebenso sehr über den Misserfolg Haiders wie über den Sieg Pühringers. Der Landeshauptmann hält ihm vor, es mit der Wahrheit nicht genau zu nehmen.
Schüssel als Garant für den Wahlerfolg Haiders
Haiders Aufstieg war lange Zeit nicht zu bremsen. Die schwarz-blaue Koalition unter Kanzler Wolfgang Schüssel trieb ihm die Wähler förmlich in die Hände. Den Erfolg von 2003 verdankte er vor allem der Pensionsreform und der vollständigen Privatisierung der voestalpine. Dann betrieb Pühringer die Privatisierung der landeseigenen Energie AG, was wiederum Wasser auf den Mühlen Haiders bedeutete. Doch Anfang 2008 zog die ÖVP die Notbremse und blies den geplanten Börsegang ab. Diese Entscheidung bedeutete eine Kehrtwende in der Landespolitik. Von da an tat sich Haider schwer, die ÖVP betrachtete diese Entscheidung als ersten Schritt für den Wahlkampf 2009. Im Juni 2008 kam Haider auch sein innerparteilicher Reibebaum Kanzler Alfred Gusenbauer abhanden. Nachdem er nicht in das SP-Regierungsteam berufen worden war, benutzte Haider den eigenen Kanzler, um sein soziales Profil zu schärfen.
Kein Charismatiker, aber er mag die kleinen Leute
Ein großer Charismatiker war Erich Haider nie. Aber er mochte die Menschen und die kleinen Leute waren sein Anliegen. Körperliche Arbeit machte ihm nichts aus, die kannte er von seiner Jugend. Als er in Mauthausen Haus baute, war er des öfteren mit der Scheibtruhe und im blauen Arbeitsoverall anzutreffen. Er arbeitete in der voestalpine, um den dortigen Hacklern seine Solidarität zu beweisen. Privat gehört seine Liebe vor allem seinen beiden Kindern. Die Tochter hat Veterinärmedizin studiert, den Sohn holte er, wenn es irgendwie ging, von der Schule ab und er brachte ihn persönlich ins Eishockey-Training. Sein Aufstieg ist ihm nie in den Kopf gestiegen. Er liebt Hausmannskost, trägt Anzüge von der Stange und tarockiert regelmäßig mit Mühlviertler Freunden. Er ist Katholik und verehrte besonders den früheren Linzer Bischof Maximilian Aichern, der sich stark um die Arbeiterpastoral bemühte und den Haider als „Vorbild“ bezeichnete. Haider sieht in Jesus den „ersten Sozialdemokraten“.
“Es kommt im Leben alles zurück”
Als er im Juli 2008 in einem Interview gefragt wurde, ob es Konsequenzen für Fehler gäbe, die man gemacht habe, antwortete er: „Es kommt einem alles im Leben zurück. Das ist meine Lebensphilosophie. Alles, was man Gutes tut, kommt einem zurück. Aber auch alles Schlechte. Allerdings dann, wenn man es am wenigsten brauchen kann.“