
Wie St. Georgen im Attergau mit seinem Erstaufnahmezentrum für Asylwerber umgeht (das Bild zeigt Bürgermeister Auzinger vor dem Lager; Foto: nachrichten.at).
St. Georgen im Attergau ist ein kleinbürgerlicher Ort, drei Kilometer vom Westufer des Attersees entfernt, am Rande des oberösterreichischen Salzkammerguts gelegen. Die Gemeinde zählt 4200 Einwohner. Geschäfte, Wirtshäuser, Trafiken und Cafés reihen sich links und rechts der Straße auf. Besonders im Winter ist es ruhig. Es gibt keine Touristen, selbst die Asylwerber bleiben wegen der Kälte zu Hause. Doch das politische Beben um das südburgenländische Eberau, wo nach Wunsch von Innenministerin Maria Fekter ein drittes Erstaufnahmezentrum für Asylwerber errichtet werden sollte, hat auch St. Georgen erreicht. Journalisten und Kamerateams kamen in Scharen, um zu sehen, wie es denn der Gemeinde mit ihren Asylanten gehe. Denn St. Georgen und Traiskirchen sind derzeit die beiden einzigen Erstaufnahmezentren in ganz Österreich.
“Keine negativen Auswirkungen durch die Asylwerber”
„Es wäre mir am liebsten, wenn die Berichterstattung wieder zurückgeht und sich alles wieder beruhigt“, sagt Martin Gassner, der das im Ort beste und beliebteste Café mit angeschlossener Konditorei betreibt. „Die Medienberichte waren zu negativ.“ Für den 35-Jährigen, der nebenbei an der Wiener Wirtschaftsuniversität studiert, gibt es keine negativen Auswirkungen durch die Asylwerber. „Mir ist nicht bekannt, dass ein Tourist weniger gekommen oder ein Haus nicht gekauft worden ist.“ Es sei bei ihm auch nie eingebrochen worden, wiewohl er wisse, dass das in anderen Geschäften der Fall gewesen sei. Er beschäftige drei Mitarbeiter aus dem Kosovo, „sie alle sind ganz toll und fleißig, ich könnte mir nicht vorstellen, dass ich sie nicht habe“. Unter ihnen ist eine Küchenhilfe, die seit sieben Jahren bei ihm ist. „Sie und ihr Mann arbeiten, sie haben zwei Kinder, sie sprechen perfekt Deutsch und sie sollen nun nach neun Jahren abgeschoben werden. Das finde ich für eine Frechheit.“
Medienberichte geben Gegner des Lagers Aufwind
Probleme mit der intensiven Medienberichterstattung hat auch Bürgermeister Wilhelm Auzinger, obwohl er selbst dadurch im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden ist. „Gut ist das nicht“, sagt der Religionslehrer, die Medien hätten das Negative aufgescheucht und den Gegnern des Erstaufnahmezentrums Aufwind verschafft. Dabei könne die Gemeinde ganz gut mit dem Lager leben. „Wenn es geschlossen werden würde, wäre das ein wirtschaftlicher Schaden für die Gemeinde.“
114 Asylwerber aus 24 Nationen
Derzeit sind im Lager, wie das Erstaufnahmezentrum im Volksmund genannt wird, 114 Asylwerber aus 24 verschiedenen Nationen untergebracht. Sie bleiben maximal vier Wochen, bis entschieden wird, ob ihr Asylantrag akzeptiert wird oder nicht. Rund 100 Beschäftigte, wovon 30 direkt aus St. Georgen kommen, kümmern sich um sie: 23 Polizisten, 25 Mitarbeiter der deutschen Organisation homecare, die sich um die Verpflegung sorgen, 37 Mitarbeiter des Bundesasylamtes, der neunköpfige Wachdienst, sieben Fremdenpolizisten. „Es wird gut gearbeitet“, sagt Bürgermeister Auzinger. Für die Unternehmen der Gemeinde bringt das Lager Aufträge. Ein Bauer liefert die Milch, Bäcker die Semmeln, ein Metzger aus der Umgebung das Fleisch. Bei Reparatur- und Umbauarbeiten gibt es Aufträge für die Maler, Tischler und Tapezierer. Örtliche Ärzte sorgen für die medizinische Betreuung.
“Das Lager soll zugesperrt werden”
Doch jene, die das Lager positiv sehen, sind in der Minderheit. „Das Lager soll auf jeden Fall zugesperrt werden“, meint beispielsweise Alois Billinger, dessen Bruder Tischler ist und Nutznießer von Aufträgen aus dem Lager ist. Er selbst ist Handelsvertreter, seine Frau und seine Nichte arbeiten im Spar-Markt. „Es gibt fast kein Geschäft, das noch nicht bestohlen worden ist“, sagt er. Erst letzte Woche seien dort wieder Asylanten mit gestohlenen Wodka-Flaschen erwischt worden. Die Delikte würden nicht einmal mehr angezeigt, denn den Täter passiere eh nichts. „Sie kriegen zwar ein Hausverbot, sie lachen und gehen dann wieder hin.“ Dass Georg Pöllmann das bestreite, sei ja klar, denn als Leiter des Erstaufnahmezentrums müsse er das so sagen. „Aber beim Billa und bei Spar erwischen sie jede Woche einen.“
Nur 21 Vorfälle bei 2300 Asylwerbern
Pöllmann, der seit 22 Jahren für das Innenministerium in St. Georgen arbeitet, zeichnet ein völlig anderes Bild. Im vergangenen Jahr seien in Summe rund 2300 Asylwerber da gewesen. Die größte Gruppe kommt aus Tschetschenien, die zweitgrößte aus Afghanistan. Es habe insgesamt 21 Vorfälle gegeben, „zwei oder drei waren Ladendiebstähle. Es gab keinen einzigen Einbruch.“ Die schwierigsten Vorkommnisse hätten sich im Lager selbst abgespielt, davon bekomme aber die Bevölkerung nichts mit. Es handle sich meist um Probleme zwischen Familien verschiedener Nationalitäten. Der Prozentsatz sei sehr gering und betreffe nur jeden Hundertsten. Dass gegen die Täter nichts unternommen werde, stimme einfach nicht. Wenn es zu einem Einbruch komme, gebe es eine Strafanzeige. Schwere Delikte würden zur Entlassung aus der Bundesbetreuung führen, das Taschengeld von 40 Euro monatlich werde gestrichen, der Täter werde an einen anderen Ort verlegt.
Im Sommer täglich drei bis vier Delikte von Ausländern
Dass es mehr kriminelle Vorfälle in St. Georgen gibt, bestreitet Pöllmann nicht. Sie kämen aber nicht aus dem Erstaufnahmezentrum. Die Täter sind teils sogenannte Dämmerungseinbrecher, osteuropäische Banden, die von der vorbeiführenden Westautobahn herunterfahren und sich schnell wieder aus dem Staub machen. Oder sie werden von Asylanten begangen, die in privaten Quartieren in St. Georgen und Umgebung untergebracht sind. „Das Lager ist nicht das Problem“, bestätigt Revierinspekteur Ludwig Leposchitz vom örtlichen Polizeiposten. Die Probleme verursachten die extern Untergebrachten, die „netten Besuch“ aus ganz Österreich bekämen. Der Kärntner, der dem Posten in St. Georgen zugeteilt ist, meint, man müsste die Regeln verschärfen. So sei beispielsweise seit sieben Jahren ein visumpflichtiger Türke da, der bereits 38 strafbare Handlungen und mindestens ebenso viele Verwaltungsübertretungen begangen habe. Er sitze derzeit zwei Monate in Wels im Gefängnis, aber er dürfe nicht abgeschoben werden. Er habe nun einen Antrag auf eine Daueraufenthaltsgenehmigung gestellt, „ich traue mich wetten, dass er die bekommt“. Während sich im Winter relativ wenig abspiele, gehe im Sommer die Post ab. Drei bis vier Delikte täglich gebe es mit Ausländern, in der Regel sind es Ladendiebstähle, Raufereien und familiäre Streitigkeiten. Ob die Polizisten frustriert seien? „Frustriert nicht, aber man wundert sich, welche Asylwerber abgeschoben werden und welche trotz Straffälligkeiten da bleiben dürfen.“
Reichsarbeitsdienstlager in der Nazizeit
Das Erstaufnahmezentrum hat eine lange Geschichte. Während des Zweiten Weltkriegs war es ein Lager des Reichsarbeitsdienstes RAD. Nach Kriegsende waren kriegsvertriebene, lungenkranke Flüchtlinge untergebracht. Daraus wurde eine Pflegeanstalt für chronisch kranke Flüchtlinge. Jede größere Krise spülte ihre Opfer nach St. Georgen. Aus Vietnam und Kambodscha kamen die boat-people, aus Uganda die vom Diktator Idi Amin Vertriebenen. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90 viele Rumänen. Da am es zu einem tiefgreifenden Vorfall. Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes Securitate ermordete einen anderen Rumänen und einen einheimischen Bauern, der zufällig Zeuge wurde. Ein Aufstand in der Bevölkerung war die Folge. Vor dem Gemeindeamt kam es zu einer Großdemonstration. „Als Obmann des Pfarrgemeinderates stand ich auf der anderen Seite der Demonstranten“, schildert Bürgermeister Auzinger die Lage. „Die Gemeinde war gespalten in jene, die gegen alles war, was mit Flüchtlingen zu tun hatte und in jene, die trotz des Mordes zu differenzieren versuchten.“ Im Laufe der Jahre stritt sich die Gemeinde wieder zusammen und es wurde wieder relativ ruhig.
Zuspitzung der Lage 2004
Bis zum Sommer 2004. Damals waren viele junge Tschetschenen, Moldawier, Georgier und Kosovo-Albaner im Lager einquartiert. Rudelweise fielen sie in die Geschäfte ein und stahlen, was nicht niet- und nagelfest war. Wieder kam es zu einer großen Demonstration. Die Bürger wollten sogar die vorbeiführende Westautobahn blockieren. Die Politik reagierte rasch. In Arbeitskreisen einigten sich die Gemeinde, die Landesregierung und das Innenministerium auf folgende Maßnahmen. Die Anzahl der Asylwerber wurde von 250 auf 120 halbiert, die Zahl der Polizisten wurde auf 40 aufgestockt, für die Zeit von 22 Uhr bis sechs Uhr früh wurde ein de-facto-Ausgehverbot verhängt, es wurden mehr Frauen und Familien einquartiert. Die Aufenthaltsdauer im Lager, die zuvor zehn bis 15 Jahre betragen hatte, wurde auf drei bis vier Wochen beschränkt, weil es in ein Erstaufnahmezentrum umgewandelt wurde, das dann die Asylwerber anderen Aufenthalten zuteilt. Die Lage beruhigte sich wieder.
Polit-Steit um Eberau bedeutet Aufwind für Lager-Gegner
Durch den koalitionären Streit in der Regierung um das geplante dritte Erstaufnahmezentrum in Eberau verspüren die grundsätzlichen Gegner des Lagers Aufwind. Ihr Wortführer ist der freiheitliche Ortsobmann Franz Schneeweiss, der auch Sprecher der Bürgerinitiative gegen das Erstaufnahmezentrum ist. Er startet eine Unterschriftenaktion, um eine Volksabstimmung über das Lager zu erzwingen, die am selben Tag wie jene in Eberau stattfinden soll. „Was für Eberau gilt, muss auch für St. Georgen gelten.“ Der sonntägliche Stammtisch im Gasthaus Kiener, dem Schneeweiss angehört, pflichtet ihm bei. „Das Lager muss weg“, ist der einhellige Tenor. 80 Prozent der Bevölkerung sei dagegen, ist man sich sicher. „Ja, wo sollen sich denn unsere Touristen hinsetzen, wenn die Bankerl voll mit Ausländern sind?“, meint die Wirtin. „Wir sind eine Fremdenverkehrsgemeinde, da passt das Lager nicht.“ Der ehemalige Tourismusverbandsobmann lässt das Argument, dass die Asylanten für den massiven Rückgang der Nächtigungen schuld seien, nicht gelten. Dies habe vielmehr mit den Billigpauschalreisen in den Süden zu tun, außerdem machten die Leute heute im Winter und im Sommer Urlaub, dafür blieben sie aber oft nur mehr zwei, drei Tage.
Darf es in Österreich noch Asylanten geben?
Schneeweiss äußert überhaupt den Verdacht, dass „im Lager viel vertuscht“ werde. Er habe erfahren, dass sich die Rettungseinsätze im Lager um 35 Prozent erhöht hätten. „Das Gewaltpotenzial im Lager überträgt sich auf den ganzen Ort.“ Außerdem könne es in Österreich keine Asylanten mehr geben, denn es sei ausschließlich von EU-Staaten umgeben.
Der soziale Auzinger gewann die Bürgermeisterwahl
Obwohl Schneeweiss sich der Unterstützung der großen Mehrheit in der Gemeinde sicher ist, hat er die Wahl zum Bürgermeister gegen den sozial eingestellten ÖVP-Mann Auzinger verloren. St. Georgen wurde von 1991 bis 2003 von einem FPÖ-Bürgermeister regiert, bis 2003 Auzinger gewählt wurde. Beim Urnengang im vergangenen Herbst legte die FPÖ zwar von 20 auf 30 Prozent zu, aber die ÖVP erhielt rund 48 Prozent. Die SPÖ sank von 23 auf 15 Prozent, die Grünen von zehn auf 6,5 Prozent.
Probleme mit der zweiten Generation
Ganz anderer Meinung als der „Lager-Schließer“ Schneeweiss ist sein Nachbar Gernot Haberl, von Beruf Tapezierer und Dekorateur. „Sicherlich gibt es Negatives, aber auch Positives. Was mich ärgert, ist, dass sie immer nur die wildesten Geschichten bringen.“ Wenn die Asylwerber im Sommer in den Markt gingen und rudelweise am Postparkplatz sitzen, rege das viele auf. „Wenn wir fremd wären, würden wir uns genauso verhalten.“ Die erste Generation, so Haberl, wären durch die Bank ordentliche Leute, die fleißig seien und arbeiteten. Probleme gebe es aber mit ihren Kindern, der zweiten Generation. Sie seien oft schlecht ausgebildet und kapselten sich in ihren Volksgruppen ab. Wegen der schlechten Ausbildung würden sie auch kaum Arbeit finden.
“Die gehören alle heimgeschickt”
Als Hort extremer Gegnerschaft der Asylsuchenden entpuppt sich auch die Bäckerei Innendorfer, dem ein Café angeschlossen ist. „Die gehören alle heimgeschickt“, fordert Anna Bergschober, die sich um 11 Uhr Vormittag ein Glaserl Prosecco genehmigt. „Die nehmen uns die Arbeit weg.“ Die 30-Jährige ist Hilfskraft bei der Firma Stieber im benachbarten Gampern. „Was passiert dann, wenn alle sagen, sie bringen sich im Fall der Abschiebung um, wie das die Mutter von Arigona Zogaj macht? Dürfen dann alle dableiben?“ Gerry, der beruflich Gastronomieeinrichtungen verkauft, meint überhaupt, dass wir „zur Zeit mehr zweibeinige als vierbeinige Ratten haben“. In kurzer Zeit stemmt er vier G’spritzte. Ihm machen unter anderem die 40 Polizisten Sorgen, die nun im Ort seien. Ständig gebe es Kontrollen. Die wollten auch ihr Geschäft machen. Und es gebe es nun schon sieben Wirtshäuser, die Ausländern gehörten.
“Die meisten Österreicher suchen sich ja auch ein wärmeres Nest”
Eine völlig konträre Sicht der Dinge hat Hermann Haberl, der einen Kaffee trinkt und Zeitung liest. Er ist Mitte 40, arbeitet bei der Agrarbezirksbehörde und praktiziert den Bogensport. Er ist sogar schon Weltmeister geworden. Seine viele Reisen in alle Teile der Welt haben ihn zu einem kritischen Geist gemacht. „Wir müssen einmal die braune Vergangenheit bewältigen. Diese Ideen schwirren immer noch in den Köpfen der Leute herum, obwohl diese Zeit schon zwei Generationen zurück liegt.“ Das Problem sei, dass viele St. Georgner die Probleme der Asylwerber nicht sehen wollten. Die Asylverfahren dauerten viel zu lange, diese Menschen bräuchten dringend Arbeit. Die Einheimischen suchten nur nach ihren eigenen Vorteilen. „Unsere Leute gehen ja auch ins Ausland auf Montage. Die meisten Österreicher suchen sich ja auch ein besseres Nest.“ Die Globalisierung mache auch vor St. Georgen nicht halt. „Wir sind ein totes Nest, die meisten Einheimischen verschlafen die Entwicklung und leben in einer gewissen Selbstherrlichkeit.“