Die Favoriten für den Sieg bei der in vier Wochen beginnenden Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika sind für den deutschen Alt-Internationalen Günter Netzer (im Bild mit seiner Frau) Brasilien und Spanien. „Die Brasilianer spielen nicht mehr den Hurra-Stil der vergangenen Jahre, sondern ein wenig europäischer“, sagte er Dienstagabend vor 1500 Gästen im Donauforum der Linzer Oberbank. Die Spanier hätten bei ihrem Sieg bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren in Wien eine großartige Leistung gebracht und verfügten heute über dieselbe Mannschaft wie damals.
Deutsche Tugenden müssen technische Überlegenheit ersetzen
Auf Platz drei stuft Netzer die Engländer ein, denn es sei Teamchef Fabio Capello gelungen, die Mannschaft auf Erfolg zu trimmen. Dann kommen für Netzer die „üblichen Verdächtigen Holland, Italien, Argentinien und ein wenig Deutschland“. Die Deutschen hätten in den beiden vergangenen Jahren keine zufriedenstellende Leistung geboten, ihre Stärke sei das Phänomen, „auf den Knopf zu drücken und die Leistung abrufen zu können“. Deutschland sei nun durch den Ausfall von Michael Ballack geschwächt, „ein echtes Handicap“, es komme nun darauf an, wer ihn ersetzen könne. Die vielen jungen Spieler seien kein Problem, es komme lediglich darauf an, dass sie zu ihrer allerbesten Leistung fänden. „Wir haben keine Spieler von Weltklasseformat, aber wir haben unsere deutschen Tugenden wie Kampfgeist, mannschaftliche Geschlossenheit, Ordnung, Disziplin, Zusammenhalt und Physis. Deswegen schlagen wir Mannschaften, die uns überlegen sind.“ Als persönlichen Favoriten für den Torwart nennt Netzer Manuel Neuer von Schalke 04. Trotz seines verhältnismäßig jungen Alters sei er ziemlich komplett. Aber auch Tim Wiese und Jörg Butt seien erstklassige Wahl.
Löw ein guter Teamchef
Löw verfüge über drei schlechte Sturmspitzen: Klose, Gomez und Podolsky. Die drei hätten zwar eine schlechte Saison gespielt, Trainer Jogi Löw vertraue ihnen aber, weil sie im Team ihre Leistung gebracht hätten. Er selbst hätte den Schalker Kurany auch nicht nominiert. Denn Kiesling von Bayer Leverkusen sei der bessere Fußballer. Netzer hält Löw für den idealen Teamtrainer, dieser könne die Mannschaft weiterbringen, „ich würde ihn nach der Weltmeisterschaft weiterarbeiten lassen.“
“Ich bin am liebsten faul”
Netzer zeigte sich bei dem von Jörg Wontorra moderierten Auftritt durchaus selbstkritisch. „Ich bekenne mich dazu, dass ich am liebsten faul bin.“ Wenn es aber notwendig gewesen sei, sei er ein „besessener Arbeiter“ gewesen. Nachdem er nun 13 Jahre lang im Ersten Deutschen Fernsehen ARD Fußballspiele kommentiert habe, wolle er diese „Leidensgeschichte“ beenden. „Ich höre auf, für mich ist es genug.“ Das habe er im Leben immer so gehalten.
Starke Persönlichkeiten fehlen
Er sei sich mit Franz Beckenbauer einig, dass es besser gewesen sei, in den 70-er Jahren ein Fußballprofi gewesen zu sein als heute. Heute würde man zwar wesentlich mehr Geld verdienen, aber damals habe es mehr Typen und stärkere Persönlichkeiten auf dem Platz gegeben. Das sei aber nicht nur ein Phänomen im Fußball, sondern in der gesamten Gesellschaft so. „In der heutigen Gesellschaft fehlen Typen, die etwas Besonderes darstellen. Nicht immer dieser Einheitsbrei!“
Rebell am Ball
Wontorra beschrieb Netzer als „Rebell am Ball, der einen Ferrari, eine Disco, lange Haare und viele Frauen“ gehabt habe. „Aber am Platz habe ich immer meine Leistung gebracht. Deshalb mussten die Kritiker ruhig sein“, entgegnete Netzer. Als er bei Real Madrid gespielt habe, sei er einmal heimlich nach Las Vegas zur Hochzeit der Tochter von Frank Sinatra geflogen. Das sei nie aufgeflogen.
Champions League-Finale: Chancen für Bayern 50 zu 50
Am Samstag ist das Finale der Champions League. Die Chancen für Bayern München definiert Netzer mit 50 zu 50, „mehr nicht“. „Das wird ein hochinteressantes Spiel.“ Das Gefährliche an Inter Mailand sei, dass sie sich ausgezeichnet verteidigten und gleichzeitig zwei sehr gefährliche Stürmer hätten. „Wehe, wenn sie ein Tor schießen.“ Bayern verfüge über eine Mannschaft, die sich nun gefunden habe. Robben spiele auf seinem obersten Niveau, „ich bin gespannt, wie lange er das halten kann“.
“Österreich braucht Geduld”
Über Österreichs Nationalteam meinte Netzer, man sei dabei etwas Neues zu beginnen. „Das ist lobenswert, es braucht Unterstützung und Geduld. Bei den Spielern muss man Ehrgeiz und Engagement erkennen. Ich glaube, Österreich ist am richtigen Weg.“