Archiv für Februar 2012

Balduin Sulzer: “Jene, die das große Sagen haben, sollen zuerst einmal zuhören”

Montag, 27. Februar 2012

Was denkt der Komponist und Zisterziensermönch  Balduin Sulzer, der am 15. März seinen 80. Geburtstag feiert, über die Kirche? Er sehe das sehr menschlich, sagt er im Gespräch mit dem KURIER. Bei den  Auseinandersetzungen gehe es  meistens nicht um die Kirche, „sondern es handelt sich um persönliche Machtspielchen. Wenn ich Papst bin, kann ich anders reden als wie wenn ich nicht Papst bin. Es sind doch sehr viele persönliche Machtversuche. Kriege ich einen Einfluss auf diese oder jene?“ Sulzer versteht zum Beispiel nicht, warum um Dinge wie die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion „so ein  Tamtam“ gemacht werde.  „Ich halte diese Art von Zusatzmoral  für einen Unfug.   Sie kommt aus Lehrmeinungen, die eh nicht bewiesen sind.“
Es gebe nur einen wichtigen Satz:  „Deus caritas est. Gott ist die Liebe. Alles, was hier nicht dazupasst, ist falsch. Wenn ich Liebe gegen Gerechtigkeit ausspiele, wie das damals Bischof Krenn gemacht hat,   ist das falsch. Mit Liebe ist das Verständnis, das Mitdenken, das Mitfühlen gemeint. Um das soll sich jeder bemühen. Auch die Päpste, die Bischöfe und die Geistlichen.  Die, die das große Sagen haben, sollen einmal den anderen Leute zuhören. “ Vor allem Leute in Positionen seien leicht verführt,  diese auszunutzen. „Wenn einer oben ist, ist er angehalten, sich in den unteren hineinzuversetzen.“   Das sei nicht mit Unterwürfigkeit gleichzusetzen. „Man kann getrennte Einschätzungen haben. Man sollte aber den Respekt haben, den anderen  ausreden zu lassen.“ Das könne zu  Spannungen führen. „Aber aus  Spannungen wächst das Leben.“ Auch in der Musik gebe  es Konsonanzen und Dissonanzen.  „Pantha rhei, alles fließt,  wie die Griechen sagen.  Jeder Moment ist anders, auch wenn die  Situation gleich ist. Wir sitzen hier beim Gespräch jetzt unter anderen Voraussetzungen als zu Beginn vor 20 Minuten.“ Die Dinge würden sich ständig ändern.  „Ich persönlich bin nicht traurig, dass ich nicht so vorausplanen kann. Ich warte ab. Ich steige nicht geplant in den Gatsch, sondern ich lasse mich hineinschlittern. So schaut es aus, glaube ich.“
Es gehe nicht um das Zuhören können, sondern um das Zuhören müssen. Wie in der Musik, wo die Musiker  berufsmäßig zuhören müssten. Der zweite Geiger auf den ersten, der Cellist auf den Bratschisten. Das passiere in  der normalen Kommunikation oft nicht, weil man es nicht gelernt habe. „Im Religionsunterricht lernt man dieses und jenes, nur nicht, dass man dem anderen zuhören soll.
Zu den Feiern zu seinem  80er sagt er: „Man wird sich denken, was hat er denn, wegen der 80 Jahre. Aber ich bin das erste Mal 80  und das muss gefeiert werden.“ Aus eigener Erfahrung wisse er solche Anlässe seien  wichtig, um  jungen Musikern Auftrittsmöglichkeiten zu bieten.

Die Pfarren werden auch ohne Priester überleben

Samstag, 25. Februar 2012

Der Befund ist erschütternd. Ein Drittel der 474 Pfarren der Diözese haben keinen Priester mehr. Die Priester, die es noch gibt, sind im Schnitt deutlich älter als 60 Jahre. Also im Pensionsalter, wenngleich sie erst mit 70 in den Ruhestand treten.  Da es derzeit kaum Nachwuchs gibt und sich auch zukünftig kein Boom abzeichnet,   werden die  Pfarren ohne Priester dastehen. Damit wird das Beharren des Papstes  auf dem Zölibat  und dem Ausschluss der Frauen vom Priesteramt sich von selbst erledigen. Benedikt XVI. und der Großteil der österreichischen Bischöfe betreiben Realitätsverweigerung. Sie stecken den Kopf in den Sand und behaupten, alles sei in Ordnung. Würde ein Unternehmer seine Firma  sehenden     Auges in so eine Krise führen, würde er wohl der fahrlässigen Krida bezichtigt. Dabei ist das Interesse an einem Leben, das der Spiritualität gewidmet ist, groß.  Das belegen die Zahlen der jungen Menschen, die Theologie studieren.   Die Anzahl der Diakone steigt und hat in Linz die 100er-Grenze  bereits überschritten. Sie werden in Zukunft unsere Pfarren leiten.
Man könnte argumentieren, es sei die Privatsache einer Organisation, wenn sie nicht in der Lage ist, für ihre Zukunft zu sorgen. Doch die Kirchen sind wesentliche gesellschaftliche Kräfte.   Vor allem auch in den Gemeinden. Sie sorgen  für ein funktionierendes Gemeinschaftsleben. Sie predigen  den Gedanken der Solidarität.  Die Arbeit der Caritas für die Schwächeren ist anerkannt.  Sie begleiten die Menschen durch alle freudigen und erschütternden Ereignisse des Lebens.
Die Zeit wird über die realitätsfremden Vorstellungen des Papstes und der Bischöfe hinweggehen. Das hat die Geschichte mit Regelmäßigkeit  bewiesen.

Kleinkariert

Samstag, 25. Februar 2012

Können Sie sich in Österreich einen Bundespräsidenten vorstellen, der verheiratet ist, von seiner Frau aber seit 20 Jahren getrennt lebt und mit einer  Journalistin in „wilder Ehe“ zusammen ist?  Oder einen Außenminister,  der mit seinem Partner durch die Welt reist? Oder einen Hauptstadt-Bürgermeister, der  schwul ist? Oder einen Landeshauptmann, der in seiner Zeit als Minister mit der Mitarbeiterin ein Kind gezeugt hat? In  Deutschland ist das alles der Fall. Es betrifft Joachim Gauck, Außenminister  Guido Westerwelle, Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit und Bayerns Ministerpräsidenten  Horst Seehofer. In Österreich geht es  engstirniger zu. Da hat  Benita Ferrero-Waldner kurz vor ihrer Präsidentschaftskandidatur ihren Lebenspartner geheiratet,  damit die Verhältnisse „geordnet“ sind.   Da hat der politische Gegner 2009  versucht,   Landeshauptmann Josef Pühringer    mit erfundenen Affären zu beschädigten. Was lernen wir vom großen Bruder?   Politik ist Politik und Privates ist privat.

Brandstetters neues Buch: Der Heilige Aloisius

Mittwoch, 22. Februar 2012

Ein Interview mit dem aus Pichl bei Wels abstammenden Schriftsteller.

Frage: Wenn Sie die Entwicklung Ihrer Heimatgemeinde  Pichl anschauen, was fällt Ihnen auf?
Alois Brandstetter: Früher, als ich noch dort war,  war der Nachbar der Gaderbauer. Er hat 14 Joch Grund gehabt. Er hat von der Landwirtschaft gelebt. Wir hatten auch so viel Grund, mein Vater war aber noch Müller und Bäcker. Bauern mit 15 Joch Grund hat es eine Menge gegeben.  Jetzt sind sie  verschwunden.  Ein paar Bauern  haben alles zusammengekauft und führen eine mehr oder weniger  industrielle Landwirtschaft.  Auch die  Akustik ist verloren gegangen. Die  war ja fantastisch. Die Hühner sind  frei herumgelaufen und haben gegackert, die  Hähne   in der Früh  gekräht.  Der Traktor wurde  gestartet, die  Rösser sind  eingespannt worden. Pichl war komplett agrarisch.

Frage: Sie sehen die Entwicklung nicht so positiv?
Brandstetter: Ich leiste mir ein bisschen Nostalgie. Ich verstehe  schon die Notwendigkeiten, aber ich sehe es schon ein bisschen wehmütig. Pichl war eine Passauer Urpfarre, eine ganz alte Pfarre. Jetzt gibt es längst keinen Pfarrer mehr. Jetzt wohnt die  Pfarrassistentin in Grieskirchen. Es gibt in Pichl keine Gendarmerie und  keine Post mehr.  Die alten Häuser im Zentrum sind von Türken gekauft worden. Am Ortsrand stehen Villen von Welser Honoratioren, die keinen Kontakt mehr zur Urbevölkerung  haben. Das kann einem nicht gefallen.
Frage: Sie waren  ein Gegner der Innkreisautobahn.
Brandstetter: Es ist ein Vorbei- und Durchfahren. Die Feuerwehr hat jetzt größere Bergescheren, damit sie die Leute bei Unfällen aus dem Auto schneiden können.

Frage: Sie waren ja auch ein Gegner des EU-Beitritts.
Brandstetter: Mir hat nicht gefallen, dass wir so viele Rechte nach Brüssel abgeben. Ich bin ein Eigenbrötler, ein Provinzialist, ein Föderalist. Ich bin kein Fundamentalkritiker, aber  in einigen Punkten bin ich nicht einverstanden. Dass da so g’scheite Leute in Brüssel sitzen und  beim Euro solche Fehler machen, da wird man schon ein bisschen stutzig.

Frage: Gibt es eine oberösterreichische Mentalität?
Brandstetter: Ja, ich glaube schon. Tüchtig, realistisch, ein gewisser Hang zur Sentimentalität. Es ist ja phänomenal, dass Oberösterreich das einzige Bundesland ist, das  eine Hymne in Mundart hat. Wenn die gesungen wird, muss ich mich immer zusammennehmen.

Frage: Schreiben Sie immer noch täglich?
Brandstetter: Ja, auf jeden Fall. Oder ich recherchiere. Ich bin ein Frühaufsteher, ich stehe um fünf Uhr auf. Dann setze ich mich hin und schreibe. Dafür gehe ich schon um neun Uhr ins Bett.
 Ich habe so den Eindruck, ich schreibe mein letztes Buch. Ich war mit meiner Frau im Sommer in Mantua und in Castiglione. Das ist die Ortschaft, aus der der Heilige Aloisius von Gonzaga stammt. Ich habe mir immer schon einmal vorgenommen, dorthin zu fahren. Die Gonzagas waren die reichen Herzöge von Mantua, aber zehn Kilometer entfernt in  Castiglione war die ärmere Linie. Aloisius war der Erstgeborene von acht Kindern. 
Ich habe mir etwas ausgedacht, was vielleicht nicht so schlecht ist. Peter Paul Rubens war Hofmaler beim Vinzeno Gonzaga in Mantua.  Er war dort fünf Jahre und hatte viele Freiheiten.   Rubens ging dann zurück nach Antwerpen und malte sehr viel für die Jesuiten. Nur den Aloisius hat Rubens nie gemalt. Aloisius war berühmt für seine Keuschheit, er soll nicht einmal seine Mutter angesehen haben. Ein pathologischer Zug von Keuschheit.  Rubens ist zwar auch jeden Tag in die Kirche gegangen, aber er war ein Vitalist. Er hat  die Frauen wunderbar gemalt.  Er hatte ja selbst zwei wunderschöne Frauen.  Deshalb kann man sich vorstellen, warum Rubens den Aloisius nicht gemalt hat.
In Castiglione  wurde  für Aloisius, der mit 23 Jahren  gestorben ist,  eine Basilika gebaut.  Seine Mutter hat Rubens eingeladen, den Aloisius zu malen. Aber es kam nie dazu. Darum geht es im Buch, das ist  die Geschichte. Rubens schlug  vor, dass  es sein Schüler  Van Dyk machen solle.  Denn der sei ein junger Mensch.  Und Aloisius könne nur von einem jungen Menschen gemalt werden.

Demaskierung

Samstag, 18. Februar 2012

Die Maske  befreit.  Die Verkleidung im Fasching erlaubt uns,  Seiten unseres Wesens zu zeigen,  von denen wir meinen, sie normalerweise verbergen zu müssen. Wir erfahren eine Wandlung. Wir dürfen  sein, was und wie wir schon immer sein wollten. Schlummernde Teile unseres Lebens werden wachgerufen. Die großen Geheimnisse werden gelüftet. Die Lust, sich in etwas hineinzuversetzen, darf  ungeniert ausgelebt werden. Der eine will Frau sein, die andere Tanz-Mariechen. Man darf so wild sein wie man sonst nie sein dürfte. Zum Beispiel als Hexe mit einem großen Hexenzinken. Wir können unser zweites Leben leben. Ein Leben auf Probe. Unter dem Schutz der Maske darf über die Stränge geschlagen werden. Die Maske macht alle gleich, Reiche und Arme, Angesehene und Ignorierte.
Die Maske befreit nicht nur, sie verhüllt auch. Manche haben ein ganzes Leben lang eine Maske aufgesetzt.  Der Lobbyist Peter Hochegger  hat die Abkassierer unter den Politikern diese Woche im parlamentarischen Untersuchungsauschuss demaskiert.  Fratzen kamen zum Vorschein.

Die Gemeinden sind in der Krise

Samstag, 18. Februar 2012

Oberösterreichs Gemeinden sind am Ende.  Sie sparen seit Jahren. Und nicht erst, seit es die Diskussionen über   Kooperationen, Zusammenlegungen und  das Sparpaket gibt. Sie sparen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt.  Wer meint, hier noch  groß Geld holen zu können, irrt.   Ein Beispiel. Der Bauamtsleiter von Wallern geht in absehbarer Zeit in Pension.  Sein Bürgermeister wollte  den Posten einsparen, der Bauamtsleiter des benachbarten Bad Schallerbach  sollte die Agenden mit übernehmen.    Schallerbach meinte, dann müsste wegen der Mehrarbeit ein zweiter aufgenommen und bezahlt werden. „Das kann ich selbst auch“, antwortet Wallerns Ortschef  Franz Kieslinger.
Die Gemeinden sind nicht nur finanziell in der Krise. Aufgrund des Strukturwandels hält städtisches Verhalten in den ehemaligen Landgemeinden Einzug. Vor allem im Zentralraum. Städter erwerben günstige Baugründe und ziehen am liebsten eine zwei Meter hohe Mauer um ihr Haus.  Am Gemeinschaftsleben der Gemeinde nehmen sie – wenn überhaupt – nur am Rand teil. Aber auch die Einheimischen  haben zunehmend weniger Zeit. Die beruflichen Belastungen  sind gestiegen, viele  Frauen   sind berufstätig, das familiäre Zusammensein sollte auch gepflegt werden. Dies spüren nicht nur die Kultur-, die Musik und Sportvereine,  die Feuerwehren, die Parteien und die Kirchen. Es wird auch zunehmend schwierig,  genügend qualifizierte  Bürgerinnen und Bürger für den Gemeinderat zu finden.
Manfred Zeismann, Bürgermeister von Krenglbach (Bez. Wels-Land), beobachtet einen schleichenden Prozeß der Aushöhlung. Er fürchtet, dass sich die Gemeinden in zehn Jahren auflösen werden. Seine Sorge ist berechtigt.   Die Lebensqualität leidet in jedem Fall.

Die “Kulturfremdheit” der Gföhler

Dienstag, 14. Februar 2012

„Es gibt nur eine falsche Sicht der Dinge: der Glaube, meine Sicht sei die einzig richtige.“
Nagarjuna
Die Ausgang der Volksbefragung von Gföhl am Sonntag ist  eine Katastrophe.  Zwei Drittel  der Waldviertler Gemeinde lehnen den Bau einer buddhistischen Stupa ab. Dabei ist der Buddhismus alles andere als missionarisch. Ob Religion oder Weltanschauung, der Buddhismus zeichnet sich durch eine ausgesprochen friedliche Haltung aus.
Ein Lichtblick in der unerfreulichen Causa  ist die Haltung des Großteils der Gemeindemandatare  und des Bürgermeisters, die den Bau des 30 Meter hohen Denkmals mit 25 Metern  Durchmessern        unterstützt haben. Doch ihre Stimmen wurden von den Angstmachern übertönt.  Sie bombardierten mit Postwürfen  die Bewohner und kritisierten die auffällige Lage, die Größe und „Kulturfremdheit“ des Projekts. 
Was ist für die Gföhler Bürger „kulturfremd“, wenn man schon diesen dummen Begriff wiederholt? Sind nicht auch die Karl-May-Spiele, die jährlich in Gföhl stattfinden, „kulturfremd“? Winnetou reitet im Wilden Westen, in den USA. Die sind auch so weit weg wie die Buddhisten Asiens.Und erst die Zelte der Indianer. Alles kulturfremd, da die Waldviertler  doch schon so lange in Häusern wohnen.  Schauen die Gföhler nicht auch  „kulturfremde“,  im Ausland gedrehte   Sendungen im Fernsehen an?  Und was machen sie, wenn sie von einer „kulturfremden“ Kellner in einem Lokal bedient werden? Zum Beispiel von einer  Bürgerin aus dem benachbarten Tschechien?  Oder wenn sie von einer „kulturfremden“ Slowakin gepflegt werden? Die nächste Stufe von Kulturfremdheit wäre wohl entartet. Das hatte wir schon alles, in den 30-er und 40-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Aber das Gift dieses Denkens reicht offensichtlich bis heute.
Die Gföhler haben eine große Chance verpasst. Nämlich sich mit den Ideen und Vorstellungen des Buddhismus auseinanderzusetzen und die eigenen Welten und Gedanken zu überprüfen. Die Konfrontation mit dem anderen bietet die Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln,  die eigenen Vorstellungen zu verwerfen oder zu vertiefen.
Als sehr wendig stellten sich die Lokalpolitiker heraus. Sie, die das Stupa-Projekt begrüßt haben, zeigten sich schlussendlich begeistert vom Demokratieverständnis ihrer Gemeindebürger. Statt ihre Niederlage einzugestehen, freuten sie sich über 52-prozentige Wahlbeteiligung. Das ist auch eine Methode, um am Ende auf Seiten der Sieger zu stehen.

 

Sparpaket: Investieren ist ebenso wichtig wie Sparen

Samstag, 11. Februar 2012

Wie auch immer man zum Sparpaket steht, es ist unumgänglich. Österreichs Schulden sind  zu hoch.  Die Zinsen und Rückzahlungen fressen einen zu hohen Anteil der Steuern auf, die die Bürger zahlen dürfen.   Je höher die Schulden, umso höher sind die Zinsen, die wir zahlen müssen. Profiteure der 220 Milliarden Schulden sind ausländische Investoren, die rund 75 Prozent der  österreichischen Anleihen aufkaufen. Unser Steuergeld wandert also  zu einem nicht unerheblichen Teil ins Ausland.
Es ist daher sinnvoll, sich nach der Decke zu strecken und   die Steuererlöse im Inland zu investieren.     Investitionen bringen Wachstum und Arbeitsplätze, Arbeit füllt die Sozialkassen. Es zeugt von Voraussicht, wenn das Land an seinen Investitionen festhalten will. Trotz der Einsparungen, die notwendig sind. Es ist gut, dass mit den Sparmaßnahmen früh begonnen wurde. Dass beispielsweise die Spitalsreform bereits abgesegnet ist. Dass die Verwaltungsreform schon läuft. Noch besser, weil billiger, wäre es gewesen, die Spitalsreform wäre bereits 2005 beim ersten Anlauf umgesetzt worden. Eines hat das Sparpaket neuerlich belegt. Man kann notwendige und unangenehme Maßnahmen hinauszögern, aber sie kommen mit Sicherheit: verspätet und deshalb verschärft.
Sparen und investieren. Das ist der Mix, der uns in den nächsten Jahren aus der Krise führen wird.   Der Weg ist eine  Gratwanderung. Es gilt, das   Maß immer wieder neu  zu definieren. Wir müssen die Altlasten abbauen, sie hinter uns lassen und  gleichzeitig  an der Zukunft bauen.  Straße, Schiene, Bildung, Forschung, Innovationen  und erneuerbare Energien  sind die  Themen der Gegenwart und der Zukunft. 
Investitionen in den menschlichen  Geist und in  die Materie     sorgen für jene Dynamik, die uns  aus der Krise führen wird.

Die neuen Juden

Samstag, 11. Februar 2012

Wiir waren nicht dabei beim gestrigen Burschenbundball.   Der KURIER wurde  ausgeladen. Nicht weil wir randaliert hätten, unbotmäßg gekleidet gewesen wären oder demonstriert hätten. Nein, wir wollten lediglich zusehen und zuhören. Wir waren neugierig, was da so vonstattengeht und was die Politiker denken und reden. Aber wir waren unerwünscht wegen kritischer Berichterstattung. Wir wissen nicht, ob wir deswegen traurig sein oder uns darüber freuen sollen. Wir hätten  gern gesehen, wie der Europaabgeordnete Franz Obermayr im Frack und Käppi seinen Rechtswalzer dreht. Und möglicherweise seinen Rülpser  von „Pogromstimmung“    wiederholt.
So blieben die „neuen Juden“, wie FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache die Burschenschafter beim Ball in Wien bezeichnet hat, unter sich.  Sie werden sich gut unterhalten haben und sich moralisch im Recht fühlen. Sie beklagen  zwar, sie würden  ins rechte Eck gedrängt und gesellschaftlich isoliert. Doch  sie handeln selbst genau so.  Sie schließen andere aus.

Der Linzer Burschenschafter-Ball belastet die schwarz-grüne Koalition

Samstag, 04. Februar 2012

Welcher Teufel den freiheitlichen Linzer Europaabgeordneten  Franz Obermayr geritten hat, von „Pogrom-Stimmung“ bei der Demonstration  gegen den Wiener Burschenbundball zu reden, bleibt  dem Beobachter unerklärlich. Landeshauptmann Josef   Pühringer  nennt  Obermayrs   Aussage  „unqualifiziert und historisch falsch“.   Wie soll nun Pühringer seine Teilnahme am Linzer Burschenbundball begründen, der ausgerechnet von Obermayr organisiert wird?
Unter Druck kommt Pühringer auch vom grünen Koalitionspartner.  „Ich verstehe Pühringer einfach nicht“, sagt  Landesrat Rudi  Anschober im Samstags-KURIER. „Er ist kein Rechtstümler, aber seine Teilnahme  am Ball ist das völlig falsche Signal. Vor allem, wenn man Obermayrs Aussage kennt.“  Der Ton in der Koalition wird schärfer. Am kommenden Samstag wollen die Grünen beim Ball gegen die Burschenschafter und die Teilnahme Pühringers demonstrieren.
Welchen Zweck die FPÖ mit ihrem  Gebaren verfolgt,  ist rätselhaft.  Denn die Freiheitlichen verbauen sich damit  ihre eigene Zukunft. Sie schließen sich  von einer Regierungsbeteiligung aus.  Auch auf Landesebene.  Obermayr leistet zwar Bundesparteiobmann Heinz Christian Strache Schützenhilfe, fällt aber gleichzeitig  Landesparteiobmann Manfred Haimbuchner in den Rücken, der mit den Schwarzen nach 2015 regieren will.

Wir lernen für die Schule, nicht für das Leben

Samstag, 04. Februar 2012

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“ Ein  Spruch,  der sich gut anhört. Die Realität sieht anders aus. Das wissen die Schüler und die  Lehrer. Und das weiss inzwischen auch die Schuldnerberatung.
 Ein Drittel ihrer Klienten ist unter 30 Jahre jung. Gefolgt von der Gruppe der 31- bis 40-Jährigen mit einem Anteil von 25 Prozent. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Privatkonkurse verdreifacht. Pro Jahr gibt es      österreichweit 1,5 Millionen Anträge auf Einzug per Gerichtsvollzieher. Mit den  öffentlichen Sparbudgets  werden die Zahlen  kontinuierlich nach oben gehen.
Um den Katastrophen     totaler Überschuldung  vorzubeugen, hat die Schuldnerberatung einen Finanzführerschein erarbeitet.  Sie wollte damit in die Schulen, um die Jungen auf den Umgang mit Geld  vorzubereiten. Sie scheiterte damit im Unterrichtsministerium , weil niemand bereit war, auf Stunden zu verzichten. Selbst ein Kämpfer wie Sozialreferent Josef Ackerl resigniert. „Das werden wir nicht mehr erleben.“ Wir lernen für die Schule, nicht für das Leben.

Hubert Gaisbauer über Papst Johannes XXIII.: “Er war von Herzen gut zu den Menschen”

Mittwoch, 01. Februar 2012

Hubert Gaisbauer (72) stammt aus Hagenberg bei Linz und war unter anderem Leiter der Abteilung Religion des ORF-Hörfunks. Kurz vor Weihnachten 2011 ist sein Buch „Ruhig und froh lebe ich weiter – Älter werden mit Johannes XXIII“ im Wiener Domverlag erschienen. Angelo Roncalli wurde    1958 zum Papst gewählt und nannte sich  Johannes XXIII. Er berief das II. Vatikanische Konzil ein und starb 1963 an Magenkrebs.
Das Buch schließt mit einem 38-seitigen Essay von Ewald Volgger, dem Rektor der katholischen Privatuniversität Linz,  über Loris Francesco Capovilla, den heute 97-jährigen Sekretär von Johannes XXIII., der in  Sotto il Monte lebt. 

Für die OÖ-Beilage des Kurier habe ich folgendes Interview mit Gaisbauer geführt:

Frage: Warum haben Sie das Buch geschrieben?
Hubert Gaisbauer: Der wichtigste Grund ist, dass ich selbst von dieser Arbeit sehr viel gewonnen  habe. Ich habe Papst Johannes XXIII immer sehr geschätzt. 1991 habe ich in Rom den Jesuitenpater Ludwig Kaufmann getroffen, der mir die Augen für Johannes geöffnet hat.  Ich persönlich glaube nicht, dass er ein Reformpapst war.  Denn er war ein Stockkonservativer. Er war jedoch ein Mann, der einen  neuen  Geist in die Kirche gebracht hat. In der Folge  habe ich begonnen, sein geistliches   Tagebuch, von dem auch Hannah Arendt so schwärmt,  und seine Briefe an die Familie zu lesen.  Dann bin ich auch noch draufgekommen, dass die Mutter von Johannes und meine Mutter am gleichen Kalenderdatumstag (20. Februar) gestorben sind.
Es hat sich für mich eine unglaubliche Welt aufgetan.  Die Welt einer Bauernfamilie in Norditalien, arm, fast noch Leibeigene, eine Großfamilie, mit 20, 30 Leuten in einem Raum beisammen. Obwohl er dann viele Jahre in Bulgarien, Istanbul und Paris war, hat er sich unglaublich  um die Familie gesorgt, materiell, geistig und geistlich.  
 Ab seinem 50. Lebensjahr  findet man zu jedem Geburtstag eine Überlegung von Johannes: Ich werde älter, wie geht es mir dabei und was habe ich noch zu erwarten. Als er 57 wurde,  schrieb er, ich muss jetzt auch an mein Sterben denken. Aber nicht zu meiner Betrübnis, sondern zur Erhöhung  meiner Lebensqualität. Er sagte, ruhig und froh lebe ich weiter, was auch der Titel des Buches ist.

Frage: Johannes XXIII gilt als Reformpapst, obwohl er sehr konservativ war.
Gaisbauer: Er war ein Mensch, der von seiner geistlich-gläubigen Überzeugung zutiefst erfüllt war.  Sein Glaube war, Dein (Gottes, Anm. d. Red.) Wille geschehe. Das war seine Richtschnur. Er hat erkannt, dass etwas Neues in die Kirche einkehren muss.  Das Bisherige war Erstarrung. Er sagte, Kirche ist kein Museum, sondern ein blühender Garten. Eines seiner schönsten Worte, das er bereits 1903 mit 22 Jahren in sein geistlichen Tagebuch geschrieben hat, lautet, man müsse erkennen,  was an einer Tradition il succo vitale, der lebendige Saft, ist.  Er verkörpert für mich die Treue und gleichzeitig die Erneuerung der Kirche. Er stellt das dar,  was Nietzsche von den Christen gefordert hat:     Jene, die immer von der Erlösung reden, sollten etwas erlöster aussehen. Er war kein Populist, sondern von Herzen gut zu den Menschen.

Frage: Seine Wahl zum Papst 1958 war eine  Überraschung.
Gaisbauer: Die gängige Lehrmeinung ist, dass er als  Übergangspapst gesehen wurde.  Alle dachten bereits an Giovanni Battista Montini, den späteren Papst Paul VI. (1963–1978). Aber der war damals noch kein Kardinal.
Montini war der erste, den Johannes XXIII zum Kardinal berufen hat.

Frage: Johannes XXIII hat bereits drei Monate nach seiner Wahl 1958 das II. Vatikanische Konzil angekündigt.
Gaisbauer: Ich habe lange mit seinem Privatsekretär Loris Francesco Capovilla gesprochen. Er betont, es war eine spontane Eingebung. Johannes hat später einmal gesagt, man darf Ideen haben, auch wenn man alt ist und sie möglicherweise nicht mehr zu Ende bringen kann. Und wenn man eine Idee hat, stellt man sich in die Kette dessen, was man als Willen Gottes bezeichnen kann. Er sieht sich als Instrument Gottes. Mit der Kurie, mit den Beamten im Vatikan, hat er überhaupt nicht können. Da gab es den berühmten Kardinal Stefano Ottaviani, der gesagt hat, hoffentlich holt mich der Herr bald zu sich, denn ich möchte noch als Katholik sterben. Die Kurie war äußerst skeptisch. Da hat Johannes eingegriffen, er hat die Richtung vorgegeben und es ist daher rechtens, ihn als Konzilspapst zu bezeichnen.
Er war der Kollegialität der Bischöfe  verpflichtet. Er hat sich nicht als Papst aufgespielt. Deshalb hat er auch bei der Konzileröffnung nicht die Tiara getragen, sondern nur die Bischöfsmütze.

Frage: Inwiefern kann er ein Vorbild sein?
Gaisbauer: Er war ein Mensch, der sich ständig seiner Fehler bewusst war.  Nicht im Sinne   katholischer Selbstverleugnung und Selbsterniedrigung.  Er schreibt zum Beispiel in seinem Tagebuch, dass er sich sehr geschwätzig gefühlt hat. Er redete sehr gern und er hatte das Gefühl, er redet zu viel. Er hat gewusst, dass das die Kehrseite seines Charismas ist,  dass er auf die Menschen zugehen kann.  Er hat zuerst einmal das Gute in den Menschen gesehen. Er war offen und tolerant. Er hat ständig Leute zum Essen eingeladen.
Er hat sich um die Familie gekümmert. In dem Sinn, wie es der Prophet Jesaia als richtiges Fasten definiert: Sich um die Armen kümmern und sich seinen Verwandten nicht entziehen.  Die Roncallis hatten alle schlechte Zähne. Er hat geschaut, dass    die Zähne der Brüder in Ordnung waren.
Er wird immer als der Fröhliche und Lustige dargestellt. Er hatte aber auch seine Zweifel und Bedenken. Am Grab seiner Schwester sagte er einmal,  wehe uns, wenn das alles eine Illusion ist, was wir glauben.

Frage: Sie schreiben im Buch vom „Roncallischen Blick“.
Gaisbauer: Er sieht das Gute im anderen, ohne alles zu beschönigen. Er hat nichts unter den Teppich gekehrt. Es ist der ehrliche, offene Blick eines Menschen, der sein Gegenüber liebt.   Er ist auf die Menschen ohne Vorurteil zugegangen.   Es ist der Blick der Liebe. Das hört sich zwar abgegriffen an,   aber bei ihm erlebt man es.  Wenn von diesem Blick etwas ins Buch eingeflossen ist, dann bin ich sehr glücklich.