Die Rundschau sank wie die Titanic

Bei ihrem Einstieg in Oberösterreich hat die Tiroler Moser Holding angekündigt, die Rundschau zur Nummer 1 zu machen. Innerhalb eines Jahres ist die ehemalige Rundschau komplett verschwunden. Es bleibt lediglich ein Anzeigenblatt. 

Es ist bitter, wenn man mit negativen Prognosen Recht behält. Vor allem dann, wenn dies den Verlust von Arbeitsplätzen für geschätzte ehemalige Kolleginnen und Kollegen bedeutet, die ich als damaliger Chefredakteur angestellt und aufgebaut habe, die sich des Vertrauens als würdig erwiesen und die gute Arbeit geleistet haben. Die Tiroler Moser Holding hat heute (9. November 2009) die Einstellung der Rundschau am Sonntag und damit die Kündigung von 55 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verlautet.

83.000 Abonnenten im Stich gelassen

Damit erfährt der Umstrukturierungsprozess der Moser Holding einen weiteren negativen Höhepunkt. Ziemlich genau vor einem Jahr wurde die Einstellung der 13 regionalen Verkaufsausgaben der OÖ Rundschau bekanntgegeben. Obwohl sich 83.000 Abonnenten Woche für Woche über die Lokal- und Regionalberichterstattung freuten und 100.000 Exemplare (incl. des Kleinanzeigers korrekt) verkauft wurden. Die Zeitungen hatten teilweise eine 130-jährige Geschichte. Viele Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher empfanden die Umwandlung in die Gratis-Bezirksrundschau als Identitäts- und Kulturverlust. 

Fehlentscheidung reiht sich an Fehlentscheidung

Der von der Moser Holding erhoffte Aufschwung blieb aus. Ihr Einstieg im Land ob der Enns Anfang 2007 war gekennzeichnet von einem ständigen Verlust an Reichweiten und Umsätzen. Fehlentscheidung reihte sich an Fehlentscheidung. Der Entschluss, die Verkaufsrundschauen einzustellen, war falsch. Denn der Verkauf erbrachte erkleckliche Einnahmen. Falsch war zudem, die Rundschau am Sonntag und die Bezirksrundschau im Anzeigenverkauf als völlig getrennte Produkte ins Rennen zu schicken. Falsch war die Entscheidung, nach einer halbjährigen Testphase für die Rundschau am Sonntag plötzlich 50 Cent zu verlangen. Das Resultat: Mit der Einstellung der Sonntags-Rundschau zieht die Moser Holding die Notbremse. 

Deutlich mehr als 150 Mitarbeiter wurden gekündigt

Begleitet wurde der Prozess der Zeitungseinstellungen von einem Blutbad unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Deutlich mehr als 150 von den ehemals 250 Kolleginnen und Kollegen verloren und verlieren ihre Arbeit. Einige werden in der geplanten, erweiterten Bezirksrundschau unterkommen. Doch auch dort wird man um wirtschaftliche Sachzwänge nicht herumkommen. Sollte sich die Erweiterung nicht rechnen, wird es ebenso zumPersonalabbau kommen.

Ein gewinnbringender Verlalg wurde in zehn Jahren versenkt

Die Rundschau ist Geschichte. Das einst als unsinkbar geltende Schiff ist wie die Titanic gesunken. Auf dieser Fahrt wurden viele Fehler gemacht. Unaufhaltsam war dieser Untergang nicht. In den Jahren vor 2000, dem Start der Sonntags-Rundschau, machte der Verlag jeweils zwischen 30 und 50 Millionen Schilling Gewinn. Da sind die Gewinne der ehemaligen Landesverlags-Druckerei in Wels nicht miteingerechnet. Heute, zehn Jahre später, gibt es nur mehr das Anzeigenblatt Bezirks-Rundschau, das aller Wahrscheinlichkeit nach in absehbarer Zeit in Bezirksblätter umbenannnt werden wird.

5 Antworten zu “Die Rundschau sank wie die Titanic”

  1. Deep Throat sagt:

    Lieber Herr Dr. Ertl,

    Ihren Einschätzungen kann ich größtenteils zustimmen. Es ist schade um die lange Tradition der Rundschau und ihrer Vorgänger.

    Dass bis zum Einstieg der Moser Holding bei der Rundschau alles optimal gelaufen ist, wage ich allerdings zu bezweifeln. Eine wirtschaftlich starke Rundschau hätte sonst keinen - vermeintlich - starken Partner aus Tirol gebraucht, der sich - so wie es aussieht - in Oberösterreich total übernommen hat. Auch vor dem Einstieg der Tiroler, die nicht nur wirtschaftlich sondern auch menschlich versagt haben, sind Fehler bei der Rundschau passiert. Fehler, die, so ehrlich sollte man sein, auch Sie, Herr Dr. Ertl, mitzuverantworten haben.

    Die Moser Holding hinterlässt verbrannte journalistische Erde in unserem Bundesland. Personen wie Hermann Petz, Silvia Lieb und Max Hafele haben Fehlentscheidungen getroffen, ohne Fingerspitzengefühl gearbeitet, Dinge versprochen, die sie nicht einhalten konnten und deutlich mehr als 150 Mitarbeiter ihrem eigenen Schicksal überlassen.

    Sie sind Totengräber, an deren Kompetenz man zu Recht zweifeln darf. Das Traurige: Sie werden nicht zur Verantwortung gezogen, genauso wenig wie ÖVP Oberösterreich und Raiffeisenlandesbank Oberösterreich.

    Konzerne wie die Moser Holding und die Styria Medien AG bedrohen (auch mit ihrem geplanten Zusammenschluss) den Journalismus in ganz Österreich. Journalisten werden zu austauschbaren Lohnarbeitern gemacht, schlecht bezahlt und ihrer eigentlichen Aufgabe beraubt: Aufklärung, Information, Schaffung von Meinungsvielfalt. Die Politik sieht zu und bringt damit in letzter Konsequenz auch unser demokratisches System in ernste Bedrängnis.

    Deep Throat

  2. josefertl sagt:

    Lieber Deep Throat,

    danke für Ihre qualifizierte Stellungnahme.
    Zur Ihrer Kritik, die meine Person betrifft, erlaube ich mir, folgendermaßen Stellung zu nehmen.
    Grundsätzlich ist natürlich ein Chefredakteur als Führungsperson für alles verantwortlich. Das ist richtig.

    Aber wirtschaftlich war ich primär für die Redaktion verantwortlich. Ich habe hier alle Sparprogramme mitgetragen und die Zahlen für den Redaktionsbereich haben gestimmt.
    Aufgrund der Vorgaben war ich gezwungen, viele Kolleginnen und Kollegen zu kündigen, was mir verständlicherweise den Unmut der Betroffenen eingebracht hat. Ich musste es tun, weil ich um die Gefahr für das Gesamtunternehmen wußte. Dennoch haben diese harten Maßnahmen wenig gefruchtet und ich frage mich heute, ob ich das nochmals so machen würde, angesichts des Endresultats.

    Als ich 2002 in das Unternehmen eintrat, habe ich sofort in der ersten Gesellschafterversammlung, an der ich teilnahm, vorgeschlagen, die Sonntags-Rundschau umzubenennen und ein anderes Format (Kleinformat) zu wählen. Warum? Die Sonntags-Rundschau führte zur Kannibalisierung der Verkaufs-Rundschau am Donnerstag. Ich konnte mich mit meinen Vorstellungen nciht durchsetzen.

    Gemeinsam mit der gesamten Redaktion haben wir die alle Ausgaben inhaltlich neu aufgestellt. Die Reaktion war sehr positiv, viele Leute sagten, man kann jetzt die Rundschau wieder lesen.

    Da die Rundschau eine veraltete Leserschaft hatte, konnte ich mich gegen den Widerstand im eigenen Haus mit einem Relaunch durchsetzen. Die Neugestaltung des Layouts kam sehr gut an und führte zu einer Verjüngung der Leserschaft, wie eine Untersuchung belegt hat.

    Die Sonntags-Rundschau erzielte unter meiner Führung eine Reichweite von 65 Prozent. Das war soviel, wie die Tips, die per Post gratis an jeden Haushalt gingen, an Reichweite hatten.

    Die Rundschau schloss das Jahr 2006 mit einem ausgeglichenen Ergebnis ab. Ende 2006 stiegen die Tiroler ein.

    Im Zuge der Erneuerung der Redaktion habe ich eine neue junge Mannschaft aufgebaut, die sich auch nach meinem Abgang bewährt hat. Ich habe diese Leute ausgewählt und angelernt.

    Ich habe in der Endphase meiner Arbeit für die Rundschau das Layout und die Struktur der Rundschau am Sonntag entschieden. Sie wurde von der Zeitschrift der Journalist mit einem ersten Preis ausgezeichnet.

    Ich vestehe Ihre Kritik, aber ich habe mir selbst wenig vorzuwerfen, außer dass ich möglicherweise bei den Einsparungen in der Redaktion zu radikal war. Ich habe mir hier die Freindschaft von manchen Kollegen zugezogen, die mir das bis heute nachtragen.

  3. Deep Throat sagt:

    Lieber Herr Dr. Ertl,

    einzelne Details, die Sie hier vorlegen, waren mir nicht bekannt. Dass 2006 offenbar eine schwarze Null stand, ist eine reife Leistung, zu der man gratulieren muss.

    Umso trauriger ist es, dass nach dem Einstieg der Tiroler die Runschau sukzessive kaputt gemacht wurde.

    Ich glaube im Übrigen, dass Sie, Herr Dr. Ertl, im Nachhinein vielfach zu Unrecht angefeindet werden und wurden.

    Wie man hört, gab es teilweise menschliche Schwächen, die allerdings Ihre Kompetenz als Chefredakteur, Blattmacher und Medienmensch nicht entscheidend zu schmälern vermochten.

  4. benno sorgenfrei sagt:

    sg herr dr. ertl,
    wiewohl sie als mensch oft sehr irritierend auftraten (ich kann das nur so beurteilen wie ich sie kennen gelernt habe) kann ich ihren ausführungen zum thema rundschauen nur eines tun: zu 100 prozent zustimmen. es ist schade, dass mit den örtlichen gegebenheiten des marktes völlig unzureichend bis gar nicht informierte medienmacher eine (oder besser gesagt zwei) zeitungen derart mit vollgas in den abgrund fahren.
    schade um eine sehr gut gemachte zeitung, schade um die tradition (ich weiss: die zählt heute nichts mehr) und schade um ein engagiertes team. in der medienlandschaft von heute zählt das leider alles nichts mehr.

    ihnen dennoch alles gute!

  5. Josef Aigner sagt:

    Im Nachhinein wissen es alle besser, ich auch.

    Ich habe die “Titanic” schon vor einem Jahr verlassen und danke dafür meinem Schutzengel, dem Zufall und auch meinem Instinkt!

    Mit einem Jahr Distanz und in einem neuen Job, der mich viel mit jungen Menschen in Kontakt bringt, halte ich am Grab der Rundschau, in der ich fast drei Jahrzehnte Journalist gewesen bin, einen Nachruf aus drei Anmerkungen:

    1. Print stirbt unaufhaltsam. Junge Leute lesen immer weniger Texte, die mit Druckerschwärze auf Papier aufgebracht werden. Die vielen Möglichkeiten des Internet, das Social Web und bald auch das Tagging mit avancierten Handys oder aufrollbare Web-Bildschirme, die in jede Jackentasche passen, lösen Gutenbergs Technologie Zug um Zug ab.

    2. Wenn Printprodukte überleben, dann werden es hochqualitative oder hochspezielle sein. Letzteres hätte die Rundschau werden können, wenn sie in ihren letzten Jahren auf ein kritisches, genaues und bis in die kleinsten Communities verästeltes “Lokal Total” gesetzt hätte.
    Statt dessen setzte man auf der Brücke der “Titanic” auf ein nicht gerade kritisches Beweihräuchern aller Kräfte im Netzwerk des eigentlichen Blatt-Chefs Ludwig Scharinger.
    Und man schwächte die lokalen Redaktionen, verzichtete auf genaue, kleinteilige Lokalberichte, um in Linz billigere Allerweltsnews aus Oberösterreich zu fabrizieren.

    3. Wegen der sinkenden Reichweiten und Anzeigen-Erlöse fehlte allen auf der Brücke der Mut. Dazu hätten wir damals auch einen richtigen Verleger an Bord gebraucht, aber es fanden sich halt leider nur ein Zahnarzt aus Passau und Banker aus Linz und Innsbruck.

    Adieu, Rundschau! Man darf gespannt darauf sein, wie sich das Erzählen von guten Geschichten aus der Gegend im Internet entwickeln wird.

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