Anselm Grün: Verwandle Deine Angst in einen Freund!

 Ängste beherrschen uns Menschen (das Bild zeigt “der Schrei” des Malers Edvard Munch). Die Angst zu versagen, einen geliebten Menschen zu verlieren, die Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes, die Angst vor dem Abstieg, die Angst Ansehen zu verlieren, die Angst krank zu werden und zu sterben.
Akzeptiere die Angst und rede mit ihr
Pater Anselm Grün kennt diese Ängste und er fordert uns auf, sie zu akzeptieren. „Man muss die Angst annehmen und mit ihr reden“, sagte der 65-jährige Benediktiner aus der bayerischen Abtei Münsterschwarzach Samstagnachmittag in dem mit mehr als 500 Zuhörern vollbesetzen Saal des Bildungshauses Schloss Puchberg bei Wels. Je stärker man gegen die Ängste ankämpfe, umso stärker würden sie werden. Angst sei notwendig. Aber: „Wir sind eine Gesellschaft, in der Angst pathologisiert wird.“ „Man kann sie nicht kontrollieren, man kann nur hinschauen, wann sie sich melden.“
Weg von der Perfektion und hin zum Mut, auch Fehler machen zu dürfen
Die Heilung in der Bibel entstehe immer in der Begegnung. Grün nennt die Geschichte von der Heilung des Gelähmten. Jesus heilte ihn, indem er ihm die Sünden vergibt. Als erster Schritt müsse die Einstellung geändert werden, damit Heilung möglich werde. Oft gehe es um falsche Grundannahmen. Die Einstellung sei häufig unmenschlich. „Wir haben oft Lebensmuster, die uns blockieren. Ängste zu versagen, zu stottern, zu schwitzen. Damit nehmen wir uns die Chancen für das Leben. Ich darf mich blamieren, ich darf Fehler machen, das weist mich als Menschen aus. Dagegen lassen die Einstellungen, dass mich alle mögen müssen  und dass ich perfekt sein muss, nicht leben.“ Die Wahrheit des Menschen sei, dass er nicht perfekt sei. Die Angst führe zur Frage, wie sich der Mensch definiere. Definiere er sich von der Angst oder von Gott her? „Wir sollen mit der Angst reden, dass sie uns zu Gott führt.“
Nicht perfekt sein zu wollen entlastet
Jesus habe den Gelähmten aufgefordert: „Steh‘ auf, nimm‘ Dein Bett und geh‘!“ Das Bett sei das Zeichen der Unsicherheit und der Lähmung. Man soll die Unsicherheit verlassen und sie gleichzeitig mit sich tragen. Denn Unsicherheit und Schwäche seien erlaubt. Dagegen raube der Perfektionismus ganz viel Energie. Man soll einfach das tun, was man spüre und nicht alles perfekt vorbereiten. „Das ist eine Entlastung für mich.“
Grün definiert mehrere Arten von Ängsten.
1. Die Angst, vor dem Gericht der Menschen nicht zu bestehen. Viele Menschen fühlten sich be- und verurteilt. Die Grübeleien, was die anderen denken könnten, können den Menschen blockieren. Jesus fordere die Menschen auf, keine Angst zu haben, denn nicht sie selbst würden reden, sondern der Geist Gottes. “Dem trauen, was in mir ist.” Angst hänge immer mit unserem Geist zusammen, mit unserem Ego. Man solle der Intuition trauen. Er selbst habe sich selbst auch unter Druck gesetzt, als er vor 30 Jahren mit seiner Vortragstätigkeit begonnen habe. Jetzt traue er sich selbst und seinem Inneren.
2. Die Angst vor dem Unbekannten in uns, das wir verstecken müssen. “Die Menschen haben ein Selbstbild, aber sie haben Angst, dass die anderen durch das Fenster schauen könnten.” Heilung erfolge durch Gott. “Gott weiss alles, er nimmt auch alles an.” Vor Gott sei nichts verhüllt, deshalb werde auch nichts verhüllt.
3. Die Angst vor körperlichen und psychischen Verletzungen. Grün: “Die Seele ist geschützt. In uns gibt es einen Bereich, der nicht verletzt werden kann. Das ist der innere, heilige Raum.” Die Angst dürfe sein, aber der innere Kern bleibe unverletzt.
4. Die Angst, missachtet und verlassen zu werden. Diese Angst hänge mit frühkindlichen Erfahrungen zusammen. Aber: “Ich bin wertvoll vor Gott, auch wenn sie mich verlassen haben.” Die Frage sei, ob es der Mensch es mit sich selbst aushalte, ob er es aushalte allein zu sein.
5. Die Angst im Boot zu versinken. “Bin ich fixiert auf den Boden, der mich nicht trägt?”, fragt Grün. Jesus sage Petrus, dass das Boot auf dem See Genesareth nicht untergehen werde. Die Angst vor Gott komme auch im Gleichnis von den Talenten zum Ausdruck. Aus Angst vor Gott vergrabe er sie. Dagegen würden die anderen belohnt, die sich ge- und vertraut hätten. “Wer alles kontrollieren will, dem gerät das Leben außer Kontrolle.” Eine Beziehung, wo einer den anderen kontrolliere, scheitere. Das angstmachende Gottesbild habe immer mit der Angst vor sich selbst zu tun. Man müsse das kontrollierende Selbstbild in Frage stellen. Die Katastrophe nach außen zu projizieren, habe stets mit der eigenen Katastrophe zu tun. Man müsse auch hier den Weg des Vertrauens gehen.
6. Die Angst vor der eigenen Wertlosigkeit. Nach dem Motto: “Ich muss etwas leisten, dass ich wertvoll bin.” Diese Angst könne nur im Glauben überwunden werden.
7. Die Angst vor der Haltlosigkeit. Das sei die Angst der hysterischen Menschen. Sie hielten sich krampfhaft an etwas fest.
8. Die Angst vor der Schuldhaftigkeit des Menschen
9. Die Angst vor der Nähe, des zu Nahe-Kommens. Dass sei die Angst, die anderen könnten meine Schwäche sehen.
10. Die Angst vor dem Tod. Die Todesangst gehöre wesentlich zum Menschen. Viele Süchte seien von der Todesangst geprägt. Der andere Weg sei es, sich als etwas Besonderes zu fühlen. Gericht bedeute nicht, dass wir gerichtet würden, sondern auf Gott hin ausgerichtet werden.
Die Angst zerbricht das Ego
Grün empfiehlt, nicht gegen die Angst zu arbeiten, sondern auf die Angst zu schauen und sie vor Gott hinzuhalten, ohne sie zu bewerten. Gott nehme die Angst nicht weg, sondern er trage sie in der Hand. Zu einer tiefen Erfahrung, so Grün, gehöre immer das Schaudern. Er nennt als ein Beispiel einen schönen Sonnenuntergang. “Furcht und Angt haben eine positive Wirkung, denn treiben uns an, anders zu handeln.” Die Angst zerbreche das Ego, breche das Ego in uns auf, damit wir für Gott durchlässig würden. Wer keine Angst habe, haben kein Maß. Man solle die Angst als Freund nehmen, die mir etwas sagen wolle. ”Wenn ich die Angst anschaue, kann ich meine Seele besser kennenlernen.” Wer sich diese Gefühle erlaube und zulasse, nehme der Angst die Macht.
Die Angst als Freund und Weg zum Leben
Grüns Botschaft sei, sich den Ängsten zu stellen und sie nicht zu bewerten. “Sie brechen uns auf für Gott.” Ängste, die uns lähmten, seien auf falsche Bilder in uns selbst zurückzuführen. “Angst ist ein Begleiter, mit dem man sich anfreunden soll, damit sie ein Weg zum Leben wird.”
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