Die Implosion der römisch-katholischen Kirche

johannes

 

„Krise einer moralischen Instanz“ titelt Daniel Deckers seinen Leitartikel in der Samstagausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17. Juli 2010, Seite 1). Aus Anlass der zahlreichen sexuellen Übergriffe von Priestern auf Jugendliche setzt er sich sehr kritisch mit dem Zustand der römisch-katholischen Kirche auseinander. „Es ist nach den strukturellen Bedingungen zu fragen, die ein Klima in der Kirche begünstigen, in dem die institutionellen Abwehrreflexe nach wie vor weitaus stärker sind als die Bestrebungen, sich jenen moralischen Ansprüchen zu unterwerfen, welche die Kirche gegenüber ihren Mitgliedern wie auch gegenüber der Gesellschaft erhebt.“

Gegensatz zwischen Charisma nach außen und Zentralismus nach innen

Deckers sieht dieses „Paradox durch niemanden so sehr personifiziert wie durch Papst Johannes Paul II (Bild): nach außen ein charismatischer Anwalt von Menschenrechten, nach innen mit Hilfe des damaligen Kardinals Ratzinger ein Verfechter theologischer Tabuzonen und ein Exponent höfisch-zentralistischer Tendenzen, in deren Gefolge das Lebensgefühl viele Katholiken und das Selbstverständnis der Kirchen in einen kaum noch zu überbrückenden Gegensatz geraten. Als Papst haben Ratzinger nicht nur die kognitiven Dissonanzen mit voller Wucht eingeholt, die während des vorangegangenen Pontifikats erzeugt worden sind. Mit einer Kurie, die angesichts der Globalisierung der Kirche strukturell rückständiger denn je, und einem Bischofskollegium, das gerade in den Kardinalsrängen intellektuell ausgezehrt ist wie seit Jahrzehnten nicht, hat Benedikt ein Erbe angetreten, das die Probleme, vor denen die Kirche steht, eher befördert denn gemildert hat.“

Der Priestermangel stellt alles in Frage

Deckers pessimistische Schlußfolgerung: „Daher ist auch nicht erkennbar, ob und wenn ja, woher die Institution Kirche in ihrer gegenwärtigen Lage neue Kräfte zuwachsen können. Im Gegenteil: In den meisten westeuropäischen Ländern ist die Kirche auf dem besten, nicht nur als Kulturmacht zu implodieren, sondern auch als Institution.“ Der Mangel an Priestern habe Ausmaße angenommen, die das Selbstverständnis der katholischen Kirche alltagspraktisch dementieren, mittels ihrer Sakramente Zeichen des Heils in die Welt zu setzen. Eine Kirche ohne Klerus  führe sich selbst ad absurdum.

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