David Steindl-Rast: “Fasten ist das, was uns die Werke der Liebe kosten”
David Steindl-Rast (86) ist österreichisch-amerikanischer Benediktinermönch, Eremit, Spiritualitätslehrer und weltweit Vortragsreisender. Johannes Pausch (62) hat das Europakloster Gut Aich bei St. Gilgen gegründet und ist Abt.
Frage: Die Sonne scheint, die Natur blüht und gedeiht und die Menschen sollen sich in der Fastenzeit kasteien.
Johannes Pausch: Wir kasteien uns nicht. Nur wenn man eine Abmagerungs- oder Schönheitskur machen will, dann muss man sich kasteien.
Das Herz zu Gott aufheben
David Steindl-Rast: Unserer Meinung nach ist Fasten Ausdruck der Freude, der Vorfreude auf Ostern. Es ist verbunden mit dem Gebet, mit dem Aufheben des Herzens zu Gott. Fasten ist immer das, was uns die guten Werke kosten. Das mehr oder weniger Essen beim Fasten ist gar nicht so wichtig.
Pausch: Ein gutes Werk selbst ist schon das Fasten.
Steindl-Rast: Fasten ist, was der Liebesdienst kostet.
Frage: Ein Beispiel?
Steindl-Rast: Früher aufstehen, um einen Kranken besuchen zu können.
Pausch: Etwas tun, was ich früher vernachlässigt habe. Die Frau, die Kinder. Zeit nehmen, achtsam werden.
Steindl-Rast: Wenn ich mit Unternehmern spreche, taucht immer wieder die Frage der Familie auf. Sie kommt zu kurz. Da würde fasten weniger arbeiten bedeuten, vielleicht sogar einen Verlust dafür in Kauf zu nehmen, um für die Familie da zu sein.
Pausch: Gleichzeitig ist es auch ein Liebesdienst, wenn ich mir selber Gutes tue. Wenn ich weniger grantig, weniger abgespannt, weniger hektisch bin, dann ist das für meine Umgebung eine ungeheure Erleichterung.
Steindl-Rast: Das Gegenteil wäre, wenn sich jemand Kasteiungen auferlegt und deshalb nur grantig ist.
Pausch: Da gibt es das Beispiel von dem Mönch, der abends gerne eine Zigarre geraucht hat. Er hat dem Abt gesagt, er raucht als Fastenopfer keine Zigarre mehr. Worauf der gemeint hat, tun Sie das sich und Ihren Schülern nicht an.
Steindl-Rast: Es ist das Ausbessern von dem, wo wir zu anderen Zeiten nachlässig sind. Viele von uns haben schlechte Essensgewohnheiten.
Wir fressen zu viele Gefühle in uns hinein
Pausch: Man soll wieder mehr das Kauen lernt. Kauen ist das halbe Leben. Das ist nicht nur ein körperlicher Vorgang, sondern auch ein seelischer. Wir fressen zu viel in uns hinein, um gute und schlechte Gefühle damit zuzudecken. Um dann die Last in Form von Kilos mit uns herumzuschleppen. Es ist wichtig, das Essen bewusster zu gestalten. Für viele ist es ein größeres Fastenopfer, sehr bewusst und langsam zu essen als überhaupt nichts zu essen.
Steindl-Rast: Beim Fasten im Sinn von etwas weniger Essen wäre es eine gute Regel, dass man etwa genauso lang oder länger zum Essen braucht als normal. Dass man langsamer und bedächtiger isst. Der Grund, warum wir uns beim Essen weniger freuen ist, dass wir uns gar nicht Zeit lassen beim Essen. Es muss alles schnell gehen.
Pausch: Wir hauen das Essen rein und schmecken und riechen es gar nicht mehr.
Steindl-Rast: Manche, die über Fast Food lachen, essen richtig gutes Essen, aber sie essen es schnell hinunter. Das ist noch ärger als Fast Food langsamer zu essen.
Frage: Was ist das Ziel des Fastens?
Alles loslassen, was uns beschwert
Pausch: Das Ziel ist ein gutes Leben und Freude und Sehnsucht zu finden.
Steindl-Rast: Und alles loszulassen, was uns beschwert. Der Satz, ich beschwere mich über jemanden anderen, sagt ganz klar, dass man sich selbst belastet, wenn man sich beschwert.
Pausch: Manche sagen, ich beschwere mich ja nicht, aber dann nörgeln sie immer an jemandem anderen herum. Diese Haltungen machen den Leib kaputt, die Seele kaputt, die Beziehungen kaputt, sie töten die Freude von Anfang an.
Leer werden
Steindl-Rast: Wir sollen Fasten von dem, was uns beschwert und keine wirkliche Nahrung gibt. Vieles im Fernsehen oder Radio nährt weder den Geist noch die Seele. Viele Leute schauen sich Dinge an, die ihnen Sorgen und Angst machen. Von dem zu fasten, ist heutzutage wichtiger, als vom Essen zu fasten.
Ein Buch lesen
Frage: Ihr Ordensgründer, der heilige Benedikt, empfiehlt den Mönchen, in der Fastenzeit ein Buch zu lesen.
Pausch: Es ist eine Freude, ein Buch vom Anfang bis zum Ende gelesen zu haben. In der Zeit Benedikts (480–547 n. Chr.) waren Bücher eine große Seltenheit. Er sagt zu den Möchen, ihr müsst in der Fastenzeit etwas lernen. Im Lesen etwas Lernen ist etwas Entscheidendes für unsere Weiterentwicklung. Im Fasten öffnen wir uns damit für etwas Neues. Es ist vor allem ein Akt der Demut.
Steindl-Rast: Und es ist ein Akt der Disziplin. Eine unserer Schwierigkeiten ist unsere Zerstreutheit. Wenn man sich vornimmt, ein Buch vom Anfang bis zum Ende in den 40 Tagen der Fastenzeit zu lesen, auferlegt man sich eine gewisse Disziplin. Man erweist auch dem Autor seine Ehrfurcht. Es ist auch gut, gemeinsam zu lesen.
Fasten in Zeiten der Veränderung
Frage: Wann sollte man fasten?
Pausch: Der heilige Benedikt sagt, man sollte immer fasten. Immer heißt, mit der Haltung zu leben, die das Fasten bedeutet.
Steindl-Rast: Aber er sagt das deshalb,weil das die meisten nicht durchhalten können. So machen wir es wenigstens 40 Tage. Diese 40 Tage bedeuten Wanderung, Änderung und Umdenken.
Pausch: Das ist ja heute gefordert. In allen Unternehmen spricht man von „Change“. Das ist eine Wandlung. Umdenken, Neuwerden, sich verändern.
Steindl-Rast: Man soll immer dann fasten, wenn es um Änderung und Wandel im Leben geht.
Pausch: Früher hat man vor den großen Feiertagen den Fasttag gehabt. Damit man sich richtig auf das Fest einstellen kann.
Leer werden macht empfänglich
Frage: Heißt Fasten, sich auf bestimmte Dinge zu konzentrieren?
Pausch: Ich würde eher sagen leer werden.
Steindl-Rast: Leer werden kommt zuerst, dann wird man empfänglich.
Frage: Wie wird man leer?
Pausch: Indem ich weniger esse, weniger Fernsehen schaue, weniger im Internet surfe oder mich im Alltag weniger ärgere.
Was nichts kostet, bringt nichts
Wie sollte man fasten?
Steindl-Rast: Freudig, Wenn man es nicht freudig tut, sollte man es lassen.
Pausch: Jesus sagt, macht es nicht wie die Heuchler, die ein finsteres Gesicht machen. Er sagt, bereitet euch auf einen Festtag vor. Das ist die Grundhaltung. Das fällt einem nicht leicht, wenn man mitten in einem Änderungsprozess steckt. Wenn man sich nicht herausgefordert fühlt, ist die Situation, in die ich hineingehe, auch nichts wert. Es kostet mich nichts.
Steindl-Rast: Dann kommt die Konzentration herein. Man sollte dankbar fasten. Um dankbar zu sein, brauchen wir heute eine Einengung auf weniger. Wir haben so viel, dass wir gar nicht nachkommen mit der Dankbarkeit. Wenn man sich auf etwas weniger konzentriert, bemerkt man erst, was das für ein Geschenk ist. Man könnte auch sagen: Fasten ist, sich reichlich Zeit zu lassen, um eins nach dem anderen anzuschauen und zu sehen, was das für ein Geschenk ist. Dann kommt die Freude. Denn was immer wir anschauen und nicht als gegeben hinnehmen, zum Beispiel dass wir Atmen können, dass wir Sehen können, dass wir Arbeit haben, darüber können wir uns freuen.
Pausch: Jetzt in der Fastenzeit esse ich zwei kleine Weckerl und trinke eine Tasse Tee. Ich werde ganz kreativ. Die Dinge, die mir früher nie eingefallen wären, die fallen mir jetzt plötzlich ein. Ich schreibe weiter an einem Buch, das lange liegen gebleiben ist, ich entwickle ein Konzept.
Steindl-Rast: Von außen gesehen bist Du auch viel lustiger. Leicht und unbeschwert.
Die Sehnsucht bleibt auch in der Erfüllung
Frage: Trotz der Erfüllung der Wünsche bleibt oft eine Sehnsucht.
Pausch: Wenn uns nach der Fastenzeit die absolute Freude gelingen würde, dann bliebe uns ja nichts mehr.
Steindl-Rast: Ich sitmme dem schon bei, aber man könnte das aber auch missverstehen, dass die Sehnsucht das Gegenteil ist von der Freude. Sie ist nur der Gegenpol. Die Sehnsucht und die Erfüllung gehören immer zusammen. Erfüllung ohne Sehnsucht wäre das Ende. Das kann man den Menschenoft nicht erklären. Man muss es auch nicht erklären. Man muss nur an Augenblicke erinnern, wo sie große Freude erlebt haben. Dann weiss jeder, dass in dieser Freude Erfüllung und Sehnsucht zusammen waren.
Die Machtsysteme brechen zusammen
Frage: Wir leben in einer Zeit des Umbruchs.Sie, Bruder David, sprechen davon, dass wir eine derartige Umbruchszeit seit 6000 bis 7000 Jahren nicht mehr erlebt haben. Das ist ein sehr, sehr großer Zeitraum.
Steindl-Rast: Das ist der Zeitraum unserer Zivilisation, die Zeit, in der unsere Kultur entstanden ist. Das reicht zurück bis zu den frühesten Ägyptern und den Babyloniern. Wir gehen in eine neue Axialperiode ein. Diese ist von Anfang an ein Machtsystem, in dem wenige die Macht haben, und die Mehrzahl arbeitet und ausgebeutet wird. Dieses System wurde niemals oder nur für kurze Zeit hinterfragt. Heute wird es mehr und mehr hinterfragt. Ich kann es gar nicht glauben. Überall auf der Welt stehen die Menschen auf und sagen, wir lassen uns nicht länger ausbeuten. Das hat man in der Dimension vor zehn Jahren noch gar nicht gehört. Das steigert sich jetzt. Das bedeutet, dass unser Machtsystem, auf dem unsere Zivilisation beruht, unter unseren Augen zusammenbricht. Darum wird die Frohbotschaft so wichtig.
Die Menschen wollen in Würde leben
Pausch: Die große Gefahr besteht, dass das von den Medien darauf reduziert wird, das sind arme Leute, die mehr Geld haben wollen. Es wird auf die Materie reduziert. Das stimmt nicht. Diese Menschen wollen in Würde leben, sie wollen geachtet werden. Sie wollen, dass ihre Meinung gilt. Sie wollen angenommen werden. Sie wollen in Freiheit und nicht in Unfreiheit leben. Sie wollen alle Grundwerte, die die Menschenwürde ausmachen, auch wirklich leben dürfen.
Gewaltfreiheit
Steindl-Rast: Es geht auch um Gewaltfreiheit. Es finden in so vielen Ländern gewaltfreie Revolutionen statt. Gewalfreiheit, Menschenwürde und Teilen machen das Reich Gottes aus. Sie sind genau entgegengesetzt zu den Machtsystemen, die wir seit mehr als 6000 Jahren gelebt haben. Wir sehnen uns jetzt ausdrücklicher nach dem Reich Gottes.
Pausch: Dass wir das Reich Gottes wirklich erreichen, das wage ich zu bezweifeln. Bei den Systemveränderungen gibt es Widerstände, Widerparts, Entwicklungen. Es ist aber offenkundig, dass sich jetzt eine grundlegende Entwicklung ereignet.
Auch die Kirche ist ein Machtsystem
Steindl-Rast: Wir sagen nicht, dass das Reich Gottes jetzt hier einfach anbricht. Es besteht aber die ganz große Gelegenheit, zu fragen, was hat Jesus uns wirklich gebracht? Das ist keineswegs das, was uns die offizielle Kirche gibt. Denn sie ist seit dem römischen Kaiser Konstantin in das Machtsystem eingetreten. Es brechen jetzt von unten und von innen her diese Möglichkeiten auf.
Frage: Die Aufbruchsbewegungen in der Kirche sind frustriert, dass so wenig weitergeht.
Steindl-Rast: Diese Initiativen habenvon viel von dem, wonach sich die Menschen sehnen. Nicht nur die Christen, sondern alle Menschen sehnen sich nach dieser Menschenwürde. Darum sprechen sie die Leute an.
Pausch: Es stimmt ja nicht, dass nichts weitergeht. Ich will die Kirche nicht verteidigen, aber natürlich geht es weiter. Nur geht es nicht von heute auf morgen, es geht nicht auf Knopfdruck. Man muss die Entwicklungen berücksichtigen. Wir können es nicht machen wie ein faschistoides System.Wir können die, die das nicht mitvollziehen können, einfach wegräumen und erschießen. Darum geht es ja nicht. Es geht darum, in einen Wandlungsprozess hineinzugehen. Alles was ich heute denke, sollte gestern schon passiert sein, das geht nicht.
Die neue Welt in kleinen Zellen realisieren
Steindl-Rast: Wenn das ginge, wären das die Methoden des Machtsystems. Man kann das Reich Gottes nicht mit den Mitteln das Machtsystems aufrichten. Wie kann man es aufrichten? Durch kleine Zellen, durch kleine Gemeinschaften. Das kann in der Familie oder in einem Kloster wie hier beginnen. Durch eine Gemeinschaft, die gewaltfrei teilt und die die Menschenwürde anerkennt. Man sieht, wie anziehend das ist. Da rennen die Leute nur so hin, wenn das angeboten wird. Da ist kein Druck, da ist keine Gewalt. Sie sehen, da wird man respektiert. Da wird geteilt. Das kann unsere Umwelt retten.
Pausch: Ich spreche immer von den Frustlüsterern. Sie sind so frustriert und lüstern nach dem Erfolg. Die machen ganz viel kaputt. Statt zu sagen, so, jetzt machen wir einen Schritt nach dem anderen, und wir bauen an dem Prozess der Veränderung.
Frage: Wenn ich aber zum sechsten Mal die Stadt Jericho umkreise, um dieses Bild aus dem Alten Testament zu verwenden, und es tut sich nichts, kann schon Frust aufkommen.
Pausch: Wie oft muss ich meinem Bruder verziehen? Sieben Mal? Jesus sagt 77 mal. Es sind ja die Macher, die die Macht haben, die sagen, jetzt halten alle den Mund. Damit erreichen wir ja nichts. Weder in einer Schule noch in einer Gemeinde noch sonst irgendwo.
Steindl-Rast: Durch das Reden ist ja schon der Beginn gemacht. Durch das Reden ist die Beziehung hergestellt. Durch das Reden hat sich schon etwas geändert. Auch wenn es scheint, dass der andere überhaupt nicht zuhört. Das Reden bringt schon ein bisschen etwas in Gang.
Pausch: Oder indem man einfach da ist. Wir Mönche sind einfach da. Wir versuchen das zu vermitteln. Und wenn es ein paar hundert andere Zellen gäbe, würde die Welt wahrscheinlich anders ausschauen.