Ein Boykott der Fußball-Europameisterschaft bringt nichts.
Das runde Leder rollt, die Begeisterung ist entfacht. Ist Ihnen aufgefallen, dass die Europäische Kommission die Fußballeuropameisterschaft in der Ukraine boykottiert? Haben Sie Präsident José Manuel Barroso auf der Ehrentribüne vermisst?
Die politischen Diskussionen um den diktatorischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch, die die Schlagzeilen der vergangenen Wochen beherrscht haben, schwächen sich ab. Die Fußball-Leidenschaft hat nun die Oberhand. Sowohl die ukrainische Bevölkerung als auch die Opposition wollen, dass möglichst viele Fans und Prominente ihr Land besuchen. Sie wollen nicht nur Geld verdienen, sondern mit den Menschen reden, die aus jenen Ländern kommen, die für sie Vorbild sind. Auch sie streben nach Freiheit, Menschenrechte, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit. Sie wollen Europäer sein wie wir.
Ist Michel Platini naiv?
Boykotte bringen selten die Resultate, die gewünscht sind. Denn die Machthaber spielen auf dem Klavier des Nationalismus und geben der Opposition die Schuld an der Ausgrenzung. Es kommt häufig zu einer Übereinstimmung zwischen dem Volk und den autoritären und gewalttätigen Herrschern. Die Oppositionellen werden als Vaterlandsverräter denunziert.
Eine ungewöhnlich naive Position hat UEFA-Präsident Michel Platini eingenommen, der die Spiele mit dem Argument verteidigt, es handle sich hier um Sport und nicht um Politik. Gelten die Gebote der Fairneß, der Wahrhaftigkeit, der Unverletzlichkeit und der Würde nur im Sport und nicht in der gesamten Gesellschaft? Natürlich soll die EM stattfinden, auch in der Ukraine. Aber das bedeutet nicht, auf beiden Augen blind zu sein für die Unterdrückung. Verantwortungsträger zu sein bedeutet Position zu beziehen. Nicht nur für das Geld, sondern auch für die menschlichen Werte.
Ukraine braucht eine europäische Perspektive
Ja, die Politiker sollen indie Ukraine fahren. Sie sollen nicht nur dem Lackl Janukowitsch das Handerl reichen, sondern sich in Begleitung der TV-Kameras auch mit der Opposition treffen und die inhaftierte Julia Timoschenko besuchen. Vor allem sollen sie der Ukraine eine europäische Perspektive bieten. Das haben wir Europäer aus Rücksicht auf Russlands Wladimir Putin bisher verweigert. Es hat mit dazu beigetragen, Janukowitsch andie Macht zu bringen.